{"id":306,"date":"2016-06-14T14:02:18","date_gmt":"2016-06-14T12:02:18","guid":{"rendered":"http:\/\/dirk-diedrich.de\/?page_id=306"},"modified":"2021-07-16T10:31:36","modified_gmt":"2021-07-16T08:31:36","slug":"ein-buch","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/dirk-diedrich.de\/?page_id=306","title":{"rendered":"Ein Buch \u00fcber den Krieg"},"content":{"rendered":"\n<p><em>&#8220;<strong>Die verlorenen Kinder des Krieges&#8221;<\/strong>,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>das ist der Titel des Buches welches ich hier immer dann schreiben werde, online quasi, wenn ich Zeit habe. Um was geht es? Der tiefere Sinn ist f\u00fcr mich Trauerbew\u00e4ltigung. Die Frage warum war meine Mutter so, wie sie war? Ein Opfer der &#8220;Kinderlandverschickung&#8221;. Sozialisiert zwischen Ziegen und Stroh im schw\u00e4bischen Bodenseeraum. Warum ich das mache? Ich hab es meiner Mutter am Sterbebett versprochen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie sagte: &#8220;Schreib&#8217; meine Geschichte auf!&#8221;, und daran halte ich mich. Hier auf meiner Homepage ist es ein wenig einfacher. Klar, ich k\u00f6nnte mir auch ein Jahr Urlaub nehmen und mich mit ein paar Kisten Bourbon in die kanadische Wildnis verdr\u00fccken. Daf\u00fcr hab ich keine Zeit und kein Geld. Dieses System ist immer und \u00fcberall greifbar, darum so! Ach, und warum lasse ich euch mitlesen? Gegenfrage: Warum nicht? Also fang ich mal an.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ach, in eigener Sache. Ich schreibe einfach so von der Hand weg. Inklusive <strong>Tipp- und Schreibfehler<\/strong>. Berichtigungsvorschl\u00e4ge gern an mich senden. \ud83d\ude42 Auch was einige Angaben angeht, muss ich noch in meinen Unterlagen rumsuchen. Namen, die von mir genannt werden, sind rein zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlt. Nur die Personen, die im Zentrum dieser teils fiktiven Geschichte stehen, sind mit ihrem Klarnamen benannt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8220;<strong>Die verlorenen Kinder des Krieges&#8221;<\/strong>,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>das ist der Titel des Buches welches ich hier immer dann schreiben werde, online quasi, wenn ich Zeit habe. Um was geht es? Der tiefere Sinn ist f\u00fcr mich Trauerbew\u00e4ltigung. Die Frage warum war meine Mutter so, wie sie war? Ein Opfer der &#8220;Kinderlandverschickung&#8221;. Sozialisiert zwischen Ziegen und Stroh im schw\u00e4bischen Bodenseeraum. Warum ich das mache? Ich hab es meiner Mutter am Sterbebett versprochen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie sagte: &#8220;Schreib&#8217; meine Geschichte auf!&#8221;, und daran halte ich mich. Hier auf meiner Homepage ist es ein wenig einfacher. Klar, ich k\u00f6nnte mir auch ein Jahr Urlaub nehmen und mich mit ein paar Kisten Bourbon in die kanadische Wildnis verdr\u00fccken. Daf\u00fcr hab ich keine Zeit und kein Geld. Dieses System ist immer und \u00fcberall greifbar, darum so! Ach, und warum lasse ich euch mitlesen? Gegenfrage: Warum nicht? Also fang ich mal an.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ach, in eigener Sache. Ich schreibe einfach so von der Hand weg. Inklusive <strong><em>Tipp- und Schreibfehler<\/em><\/strong>. Berichtigungsvorschl\u00e4ge gern an mich senden. \ud83d\ude42 Auch was einige Angaben angeht, muss ich noch in meinen Unterlagen rumsuchen. Namen, die von mir genannt werden, sind rein zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlt. Nur die Personen, die im Zentrum dieser teils fiktiven Geschichte stehen, sind mit ihrem Klarnamen benannt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Vorwort<\/em><\/strong><strong><em><\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Hallo, willkommen in meinem Leben. Mein Leben? Ok, ich sollte mich vielleicht kurz vorstellen. Mein Name ist Dirk Diedrich, Jahrgang 1967 und ich schreibe ein Buch \u00fcber den Krieg. Ja, sie haben sicherlich Recht. Ich bin deutlich nach dem Krieg geboren. Aber ist es nicht komisch, dass ich nur 22 Jahre nach dem Krieg in Deutschland geboren bin? Wenn ich heute, als es ist fast 2022 auf das Geschehene vor 22 Jahren zur\u00fcckdenke, dann ist historisch in unserem Land gar nicht viel passiert. Nicht mal das Internet gab es in den letzten Jahren zu erfinden. Ich gestehe, mein Leben ist auf den ersten Blick auch nicht vom Krieg gepr\u00e4gt, aber auf den zweiten. Vielleicht nehmen sie sich die Zeit und lesen sich unsere Geschichte einmal durch. Glauben sie mir, ich habe mir in meiner Jugend nicht ausmalen k\u00f6nnen, dass nur 20-30 Jahre vor meiner Geburt fast alles in Deutschland in Schutt und Asche gebombt war. Millionen Menschen ihr Leben f\u00fcr fragw\u00fcrdige Ziele hingaben oder es ihnen einfach so aus \u201eheiterem Himmel\u201c genommen wurde.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>In diesem Moment, in dem sie dieses Buch in die Hand nehmen, nimmt irgendwo auf der Welt ein Mensch eine Waffe in die Hand um andere Menschen zu t\u00f6ten. Er wird sich von der Familie verabschieden, ohne zu wissen ob er sie wieder sehen wird. Quasi so, wie andere Arbeitende ihre Brotdose nehmen oder ihre Aktentasche, so nimmt dieser Mensch Helm und Waffe, ehe er das Heim verl\u00e4sst. Er nimmt die Verantwortung des K\u00e4mpfens an, aber l\u00e4sst seine Familie alleine zur\u00fcck.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Auch heute noch ist die Welt voll mit Kindern, die ihre V\u00e4ter im Kampf verloren haben. Diese Kinder haben nie auf Knien gesessen und ihrem Vater den Bart gekrault. Nie haben sie Papierschiffe mit ihrem Vater gebastelt oder einen Drachen steigen lassen. Diese Kinder haben ihr erstes Fahrrad selbst geputzt und die Schachpartie, die zeigen sollte wer der wirkliche Denker und Chef im Haus ist, wird immer ungespielt bleiben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Mir ist das damals in der Jugend sehr wohl bewusst geworden. Denn als ich Heranwachsender war, da kam es immer h\u00e4ufiger vor, dass ich h\u00f6rte wie bekannte Kinder das Wochenende bei Oma und Opa waren, wie sie mit Oma und Opa dieses oder jenes gemacht haben. Was an Geschenken von Oma und Opa kam, wenn es wieder um die Gespr\u00e4che nach Weihnachten ging. Nat\u00fcrlich haben wir alle Omas und Opas. Nur, wie sieht es mit der Rolle aus, die sie in unserem Leben spielen? In meinem Leben haben Omas und Opas noch nie eine aktive Rolle gespielt. Meine Omi, die Mutter meiner Mutter, habe ich zwar sehr geliebt, aber ich habe selbst den Museumsw\u00e4chter in meiner Heimatstadt \u00f6fter gesehen als sie. Meine Familie war und ist einfach zu zerrissen innerhalb von Deutschland. Ja und auch daran ist der Krieg schuld. Dieser \u201eKrieg\u201c \u00fcber den die Menschen mittlerweile sagen: \u201eAch, was habe ich mit dem Krieg zu tun, der ist schon so lange her.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich denke, dass viele Kinder und auch Enkelkinder wie ich, die so indirekt Opfer eines Krieges wurden, fr\u00fcher oder sp\u00e4ter einen dieser Gedanken haben oder in einer solchen Situationen sind in der ich mich gerade befinde. Es liegt in der Natur der Dinge. Der Mensch entsteht aus zwei Menschen und will die Frage &#8220;Wer bin ich?&#8221; von beiden Elternteilen beantwortet wissen. Besonders bizarr ist die Frage danach, warum der eigene Vater und Opa gestern noch ein Held und am n\u00e4chsten Tag ein Verbrecher war.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Erstes Kapitel<\/em><\/strong><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Neues von Feldpostnummer 06775<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwo in Russland im Sommer 1944, die stickige Luft im Gefechtsstand der Flakstellung erschwerte das Atmen. Der Staub aus dem kargen Boden, den die Kriegsjahre hinterlassen hatten, fra\u00df sich in die Lungen. Unter einer Wolldecke gekauert fummelte Fritz mit seinem Offiziersmesser an einem Bleistiftstumpf herum, um diesen Rest noch ein wenig spitz zu formen, damit er endlich die Karte an Grete, seine geliebte Frau, weiter schreiben konnte, die er vor dem letzten Verlegen seiner Einheit, einer 8.8 Batterie vor zwei Tagen angefangen zu schreiben hatte. Die 8.8 Batterie war Teil der 32. Infanteriedivision, die sich auch \u201erheinisch westf\u00e4lische\u201c nannte. Er war stolz auf seine Einheit, stolz zum Stab zu geh\u00f6ren. Die 8.8 war f\u00fcr ihn die Wunderwaffe seiner stolzen deutschen Wehrmacht. Kein anderes Flakgesch\u00fctz war so durchschlagkr\u00e4ftig wie dieses. In den 1920ern von Krupp unter den Zw\u00e4ngen des Versailler Vertrages entwickelt, war sie das Optimum an Beweglichkeit, Reichweite und Zielgenauigkeit. Keine Armee der Welt hatte etwas Vergleichbares zu bieten. Die Deutschen Truppen nutzten sie in Russland aber vorzugsweise als Panzerknacker. Fritz war jedenfalls so begeistert von der 8.8, dass er von der berittenen Einheit (Die ersten Kriegsjahre diente er im 186. F\u00fcselierregiment, also der Kavallerie) zur Infanterie wechselte nach dem Ausbruch des Krieges.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Gedanken kreisten um zuhause. Wenn er die Augen schloss, dann wusste er sofort wie es zwischen Heimelsberg und Rheinischem Esel auf den Feldern und im Wald um Bochum Langendreer roch. Die Forsythien duften im Fr\u00fchling immer so herrlich. Oder der Pfingstausflug mit Grete, seiner geliebten Frau, wenn die Bauern das erste Heu machen und die Wiesen frisch gem\u00e4ht waren. Reine Einbildung, denn au\u00dfer Waffen\u00f6l und Schwarzpulver hatte er seit Monaten nichts anderes mehr gerochen. Nicht mal das Brot, das es t\u00e4glich gab, roch nach irgendetwas anderem au\u00dfer \u00d6l.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder drifteten Fritz&#8217; Gedanken zu Grete. Seit seiner Verwundung vor ein paar Monaten hatte er Grete und die Kinder nicht mehr gesehen. W\u00e4hrend er gedankenverloren den Stift in den Fingern drehte, um sich den knappen Platz auf der Karte in Gedanken zu recht zu legen, schweifte er wieder nach Hause. Raus aus dem Dreck hier, auch raus aus ihrer Wohnung in Bochum, hin zu seinen Eltern, seiner Schwester, heim in das beschauliche Gr\u00fcner Tal bei Iserlohn, wo die alte Wasserm\u00fchle unerm\u00fcdlich lief und die beruhigende Ger\u00e4uschkulisse lieferte, die ihm jetzt fehlte, um seine Gedanken zu sortieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die &#8220;Gr\u00fcne&#8221;, wie sie alle in der Familie sein Elternhaus nannten ist ein altes Fachwerkhaus, welches vermutlich schon seit vielen hundert Jahren in dem langgezogenen Tal zwischen Iserlohn und Ihmert irgendwo im Nichts steht. Eine Wasserm\u00fchle die eine Transmission antreibt, eine Schleiferei und eine Gie\u00dferei sind im Laufe der letzten 50 Jahre gewachsen. Im unteren Gr\u00fcner Tal wurde schon seit Urzeiten Galmei abgebaut, warum also nicht im Gr\u00fcner Tal Messing verarbeiten? Die Stra\u00dfe, die an seinem Elternhaus vorbei f\u00fchrte war gerade breit genug f\u00fcr ein Pferdegespann. Hier kam nur einer vorbei, wenn er wirklich etwas wollte. Das war zum Gl\u00fcck nicht oft. Es war trotz des gesch\u00e4ftigen Treibens der Gesellen der ruhigste und friedvollste Ort in Fritzens Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Mann wie ein B\u00e4r, gro\u00df gewachsen und doch so zerbrechlich. Fritz war der \u00e4lteste Sohn seines Vaters, der in den heutigen Niederlanden in der Gauverwaltung arbeitete. Von strenger Hand erzogen, hatte er doch auch weiche Z\u00fcge.<\/p>\n\n\n\n<p>Margret, seine \u00e4lteste Tochter, sollte schon bald in seinem Elternhaus in &#8220;der Gr\u00fcne&#8221; sein, jedenfalls hatte sein Vater ihm das in dem letzten Brief aus Holland zugesichert. &#8220;Zum Gl\u00fcck w\u00e4re die Kleine dann sicher&#8221;, dachte er bei sich. Aber wann w\u00fcrde er endlich Nachricht erhalten, dass es auch mit der \u201eKinderlandverschickung\u201c und mit Gretes Kur losgeht?<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Gl\u00fcck organisierte die NSV das Programm der Kinderlandverschickung. Wobei, es war eigentlich eine Mutter und Kind Verschickung. Der NSV (Nationalsozialistische Volksf\u00fcrsorge) organisierte diese Verschickung aus Krisengebieten um nichtschulpflichtige Kinder und deren M\u00fctter zu sch\u00fctzen. Margret ging ja schon zur Schule, darum musste die Gr\u00fcne weit genug weg sein von den m\u00f6glichen Bombenangriffen auf das Ruhrgebiet. \u201eGut, dass nicht nur die schulpflichtigen Kinder dem F\u00fchrer wichtig sind. Da hatte Bormann mal \u2018ne gute Idee\u201c, dachte Fritz. Die \u00fcbliche Verschickung in Lager in wenig besiedelten Regionen hatte mit der Verschickung von nicht schulpflichtigen Kindern nichts zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich hatte er noch mehr Kinder um die er sich sorgte. Die \u00f6rtliche Verwaltung lief mittlerweile nur noch auf Sparflamme. Es schien als wenn immer mehr M\u00e4nner an die Front kamen und die Amtsstuben verlassen mussten. Vorw\u00e4rts sollte es gehen, jeden Tag vorw\u00e4rts. Doch mit jedem Tag, an dem seine Einheit weiter vorr\u00fccken sollte, r\u00fcckten seine Gedanken weiter nach Hause. Vorw\u00e4rts ging es schon lange nicht mehr. Halbwegs geordnet r\u00fcckw\u00e4rts, so lie\u00df sich die Situation viel besser beschrieben. Noch vor einem Jahr lagen sie mitten in den Pripjet-S\u00fcmpfen und versuchten Richtung Moskau vorzusto\u00dfen. Dieses eine Jahr war wie im Flug vergangen. Obwohl ihm die einzelnen Tage wie Ewigkeiten vorkamen. Jeder Tag, an dem man tausende Sch\u00fcsse und Detonationen h\u00f6rt und in den n\u00e4chsten vier bis f\u00fcnf Sekunden denken muss, ob es wohl die letzten Ger\u00e4usche waren die man geh\u00f6rt hat? Jeder einzelne Tag kriecht be\u00e4ngstigend langsam. \u00dcberhaupt ist das einfach nur das Warten auf den eigenen Tod, dachte Fritz sich oft. Wie viele Kameraden verloren sie auf diesem R\u00fcckzug. Wie oft wurden sie wieder nach vorn angetrieben um den Frontverlauf zu festigen. Orel ist weit weg dachte Fritz, als er sich daran erinnerte, als er das Eiserne Kreuz zweiter Klasse verliehen bekam.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser verdammte Krieg. Es sollte alles so schnell gehen. Russland war leicht zu \u00fcberrennen hatten die Gener\u00e4le damals gesagt. &#8220;Wenn die Verteidigungslinien erst einmal durchbrochen sind, dann schwindet die Lust der Bolschewiken sich auf einen Kampf einzulassen.&#8221; Alles Gerede, dachte er nun. Es beschlichen ihn Zweifel, ob das alles so richtig war was er hier tat. Dabei waren in der Familie doch alle gestandene und \u00fcberzeute Nationalsozialisten. Die Macht des Volkes faszinierte ihn schon fr\u00fch. Endlich waren sie keine &#8220;Hinterw\u00e4ldler&#8221; aus dem Tal, sondern sie waren im Ort angesehen. Menschen gr\u00fc\u00dften freundlich oder standen stramm. J\u00e4hrlich trafen sie sich am Eisernen Kreuz, das hoch \u00fcber Iserlohn am Eingang des gr\u00fcner Tals am Berg prangte und verlasen die Namen der Gefallenen des ersten Weltenbrandes. Ja, auch zwei seiner Onkel, Fritz und Wilhelm haben f\u00fcr den Kaiser gek\u00e4mpft. Die Familie war vor wenigen Jahren noch eine, die kurz vor dem Bankrott stand. Die Gie\u00dferei hatte den Wandel der 1920er Jahre nicht richtig \u00fcberlebte. Die Firma, ein Opfer der Bankenkrise, das Land, knapp zwei Hektar, wovon ein Hektar nur Wald im Muskampschlaa war, reichte nicht zum Broterwerb, sondern nur zur Selbstversorgung zu gebrauchen. Doch seit die NSDAP an der Macht war, war es nicht mehr wichtig wie viel Geld und Einfluss man hatte, denn es kam auf gute deutsche Tugenden an. Ehrlichkeit, Treue und Vaterlandsliebe. Wahrlich, davon hatte alle genug.<\/p>\n\n\n\n<p>Abermals legte er sich gedanklich die Worte zu recht als er von drau\u00dfen ein leises Grollen am Himmel vernahm. Hastig kn\u00fcllte er die leere Karte in die Brusttasche und steckte schleunigst den Bleistift dazu, der im abermals in der Hektik abbrach. Seine belegte Stimme schrie laut, w\u00e4hrend er die Zeltplane aufriss. &#8220;Alles abdecken! Meldung! Was ist das f\u00fcr ein Flugzeug?&#8221; Im Baum hatte sich sein Adjutant geistesgegenw\u00e4rtig ein Bild gemacht. Den Feldstecher am Auge sp\u00e4hte er in Richtung Front, doch von dort konnte der L\u00e4rm nicht kommen. Wenige Momente sp\u00e4ter rollte, aus Westen kommend, eine Rotte Stuka \u00fcber sie hinweg. Im Tiefflug mit schweren Bordkanonen unter den Tragfl\u00e4chen. Fritz erinnerte sich an die ersten Monate des Krieges als er zum letzten mal Stuka zur Unterst\u00fctzung gesehen hatte. Die flogen hoch oben, um die feindlichen Linien aufzubrechen mit ihren punktgenauen Bomben. Danach war die dann die Artillerie am Zuge und schoss die Gegend m\u00fcrbe.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Warum jetzt Kanonen unter den Tragfl\u00e4chen?&#8221; schoss es ihm durch den Kopf. Und die Erkenntnis um den Sachverhalt konnte man ihm im Gesicht ablesen. Stukas gegen die russische Artillerie einzusetzen w\u00e4re in der Tat grober Schwachsinn, zumal die Stukas in dieser H\u00f6he eine leichte Beute f\u00fcr das Sperrfeuer der Russen w\u00e4ren. Diese Kriegsveteranen waren im Horizontalflug so langsam, dass man ihnen bequem im Vorbeiflug das ganze Flugzeug umlackieren konnte. Es gab nur eine einzige M\u00f6glichkeit die blieb &#8211; Panzer! Die Russen m\u00fcssen mit Panzern auf die Frontline dr\u00fccken. Reflexartig schickte er Krome, den Melder der Batterie, mit seinem Krad, einer alten Z\u00fcndapp 600, zum Leitstand des Stabes. Er war wahrscheinlich der irrsinnigste Kradmelder, den die 36. &#8220;Rheinisch-Westf\u00e4lische&#8221; Infanteriedivision gesehen hatte. Es war anzunehmen, dass das vom Training in den engen T\u00e4lern des Sauerlandes kam. Nun hie\u00df es warten bis Krome mit Neuigkeiten wieder k\u00e4me.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Mann der Einheit bildeten einen vorgezogenen Posten an einer kleinen Anh\u00f6he, um das Gel\u00e4nde zu \u00fcberwachen. Entsetzlich war diese Ungewissheit. Seit Monaten war das Funkger\u00e4t ausgefallen und kein vern\u00fcnftiger Kontakt zu den anderen mehr m\u00f6glich. Seit einigen Wochen lief der Nachschub auch nur noch schleppend. Erst war der lange und strenge Winter schuld und nun wieder nichts zu fressen. Hier, fernab aller Zivilisation war nichts au\u00dfer weite Steppe. Hin und wieder mal ein Baum, der den Gesch\u00fctzen ein wenig Schutz vor den russischen Aufkl\u00e4rern bot. Die Sonne brannte unerbittlich auf den Boden in diesem fremden Land.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Was mach ich hier?&#8221; war eine Frage, die sich Fritz schon oft gestellt hatte. Letztlich kannte er die Antwort. Die deutsche Rasse hat die absolute Berechtigung sich neuen Lebensraum zu erschlie\u00dfen. Nach der gro\u00dfen Krise war die Firma zuhause so gut wie Pleite; nicht in der Lage die gro\u00dfe Familie zu ern\u00e4hren. Die Maschinerie der neuen Machthaber bot ihm Arbeit und gab ihm die M\u00f6glichkeit die Familie zu ern\u00e4hren. Von den Schwiegereltern war nichts zu erwarten. Die gro\u00dfe Schlachterei in Wuppertal Elberfeld war auch in der gro\u00dfen Krise Ende der 1920er Jahre buchst\u00e4blich \u00fcber die &#8216;Wupper&#8217; gegangen. Gretes Eltern haben das irgendwie nicht verkraftet, und sie war Vollwaise seitdem. Was hatte Fritz noch au\u00dfer seinem Leben und seiner Ehre, die er irgendwem geben konnte. Also tat Fritz das Einzige was ihm noch blieb, er diente treu. Dabei ist es nicht hilfreich, wenn man von Heimweh und Zweifeln zerfressen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Fritz tat das, was er in den letzten Jahren gelernt hatte \u2013 ein treuer deutscher Soldat zu sein &#8211; er blendete alle Zweifel und Gef\u00fchle aus und funktionierte in diesem staubigen und schmutzigen Krieg, den er doch eigentlich nicht wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Er klopfte sich den Staub aus der M\u00fctze, als er in der ersten D\u00e4mmerung das Zelt betrat. Sein Gesicht wirkte m\u00fcde und mit einem nicht \u00fcberh\u00f6rbaren Ger\u00e4usch fiel er r\u00fccklings auf sein Lager. In Sekunden war er eingeschlafen. Seine Tr\u00e4ume w\u00fchlten und sch\u00fcttelten ihn. Die Angst vor der Zukunft war am Tage erfolgreich verdr\u00e4ngt, aber nachts, wenn alles still war, dann schlichen die D\u00e4monen der toten Menschen der letzten Jahre um sein Bett und fesselten alle negative Energie in ihm, sodass er wieder einmal schwei\u00dfnass erwachte. Er fummelte aufgeregt nach der Feldflasche und nahm einen tiefen Schluck kalten Tee, der beruhigend langsam seine Kehle hinunter rann. &#8220;Grete&#8221;, dachte er bei sich, &#8220;ach, verdammt die Karte&#8221;. Dann nestelte er im Hinsetzen aus der einen Tasche ein Feuerzeug f\u00fcr die Petroleumlampe hervor, w\u00e4hrend die andere Hand nach dem Bleistift fischte. Die zittrigen Finger schoben den Bleistift zwischen seine Lippen, damit er eine Hand frei hatte um die verchromte Kappe seines Benzinfeuerzeugs zu entfernen. Wieder waren seine Gedanken daheim. Bei Margret, die ihm vor zwei Jahren das Feuerzeug zu Weihnachten voller Stolz unter dem sp\u00e4rlichen Tannenbaum in der Oberstra\u00dfe in Langendreer gelegt hatte. Er sah noch genau ihre leuchtenden Augen. Ob er jemals von Gisela ein Geschenk erhalten w\u00fcrde, schoss es ihm durch den Kopf. Was, wenn die Jungs erst vier und f\u00fcnf sind? Werden sie dann auch an Weihnachten vor ihm stehen und mit leuchtenden Augen ein Geschenk f\u00fcr ihren Vater haben? Noch lag Hartmut quasi im Kindsbett, er war der J\u00fcngste. Seit seiner Verwundung und dem kurzen Aufenthalt in Rostock an die Ostfront war Fritz nicht mehr in der Heimat gewesen. Dennoch dachte er permanent an seine Kinder. Eine Familie wollte er, doch hatte er nichts davon. Gisela war noch zu klein Weihnachten 1938. Ein Jahr sp\u00e4ter war er schon im Feld in Frankreich. Gedanken \u00fcber Gedanken peitschten durch seinen Kopf, w\u00e4hrend die alte Petroleumlampe das Zelt langsam in ein fahles Licht tauchte. Er nahm sein Schreibutensil zwischen den Lippen hervor und starrte dieses St\u00fcck Holz an, als w\u00e4re vor seinen Augen die heilige Jungfrau Maria von einem russischen <em>T-34<\/em> Panzer \u00fcberfahren worden. &#8220;Verdammt, abgebrochen&#8221;, fluchte Fritz.<strong><em><br><\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Zweites Kapitel<\/em><\/strong><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Bohnensuppe und Fahrkarten<\/em><\/strong><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Krieg kam mit den alliierten Bombern nun auch nach und nach ins Heimatland. Tief ins Hinterland stie\u00dfen vereinzelnd die Bomberverb\u00e4nde vor. Eine Sache, die Grete nie erwartet h\u00e4tte. Fritz sagte sonst immer, dass \u201eder Engl\u00e4nder\u201c nie Bomben auf Deutschland werfen w\u00fcrde, nachdem Frankreich niedergerungen war. \u201eDas trauen die Tommies sich gar nicht\u201c, sagte Fritz damals. Doch immer h\u00e4ufiger flogen englische Aufkl\u00e4rer selbst am Tage hoch \u00fcber der Stadt, und nachts heulten die Sirenen. Erst waren es nur spezielle Ziele, wie zum Beispiel die Talsperren oder die gro\u00dfen Industrieanlagen des Ruhrgebietes. Doch immer \u00f6fter musste Grete nachts die Jungs und die M\u00e4dels zusammen einpacken und gemeinsam Schutz zu suchen. Zum neuen Hochbunker an den Langenstuken brauchte sie sich gar nicht aufzumachen, denn der lag dicht bei den Bahnschienen und viel zu weit entfernt. Bei Fliegeralarm war also nur der n\u00e4chste Keller der Beste, denn zehn Minuten Fu\u00dfmarsch sind zehn Minuten ohne Deckung. Es reichte schon, wenn einige Spritzer fl\u00fcssigen Phosphors die Kleidung trafen, sodass man j\u00e4mmerlich verbrannte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer h\u00e4tte das gedacht? Der Krieg war in Deutschland. Nicht an der Front, nicht in Russland oder Afrika weit weg, sondern mitten in Deutschland. Grete beschloss zu den Schwiegereltern nach Holland zu fahren, um dort mit der Familie zu besprechen wie es weiter gehen soll. Ihr Schwiegervater war dort in einer undurchsichtigen Mission unterwegs. Keiner aus der Familie sprach gerne dar\u00fcber, aber er war in der Partei wichtig genug, sodass er Grete in ihrem Elend helfen konnte, ja musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Samstags morgens um f\u00fcnf machte Grete sich mit den Kindern auf in Richtung Holland. Zugfahren zu f\u00fcnft in der dritten Klasse, sieben Stunden Fahrt, dachte Grete, das kann ja heiter werden. Die Kinder w\u00e4hrend dieser Zeit zu besch\u00e4ftigen war da doch das kleinste Problem. Doch am Bahnsteig angekommen, wartete sie vergeblich auf das pfeifende Ger\u00e4usch des einfahrenden D-Zuges in Richtung Venlo. Statt vielen Reisenden tummelten sich die Schwestern der Bahnhofsmission auf dem Bahnsteig herum und verteilten Becher mit Fr\u00fcchtetee an die Wartenden. Margret schob die Karre mit Trutzhart und Grete hatte Gisela an der Hand und Hartmut auf dem Arm. Der Zug scheint ja wohl Versp\u00e4tung zu haben, dachte Grete. Und richtig, eine Stunde sp\u00e4ter klang das pfeifende Ger\u00e4usch der einfahrenden Dampflokomotive der Baureihe 03 endlich auf der Kurve vor dem Bahnhof. Grete hastete mit den Kindern ins Coup\u00e9 und nahm ersch\u00f6pft Platz. <em>(Ich misch mich mal kurz ein. Vielleicht sollte ich erz\u00e4hlen, dass man fr\u00fcher nur von au\u00dfen in die einzelnen Abteile, auch Coup\u00e9 genannt, kam. Da war nichts mit \u00fcber den Flur schlendern oder kurz zum Speisewagen.)<\/em> Irgendwie f\u00fchlte die Reise sich m\u00fchsam an, ehe sie richtig begonnen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der D-Zug verlie\u00df schnaufend den Bahnhof, der an diesem Sommermorgen friedlicher wirkte als sonst. Sicher, es war Samstag, also waren auch nicht so viele Menschen unterwegs, aber irgendwie wirkte es doch gespenstisch, diese Ruhe. Langsam zog der Zug um die Kurve und Gretes Blick schweifte \u00fcber die Stadt. Rauchschwaden zogen aus den H\u00e4usern. Es brannten noch die Feuer der vergangenen Bombennacht. Grete fluchte in sich hinein. Mein Mann ist in Russland und die Engl\u00e4nder bombardieren unsere Heimat in Grund und Boden. Warum ist er nicht zuhause, da wo er gebraucht wird? Was soll dieser komische Krieg noch? Sollen die Engl\u00e4nder nicht vor drei Jahren schon vernichtend geschlagen sein? Daf\u00fcr, dass die deutsche Luftwaffe angeblich so erfolgreich war, waren die britischen Bomber aber quicklebendig. Grete stellte gerade alles in Frage. Nichts passte mehr zusammen. Die 03 biss sich schnaufend eine enge Kurve hoch und Grete tr\u00e4umte, w\u00e4hrend sie aus dem Fenster schaute mit offenen Augen. Strahlender Sonnenschein keine Wolke dachte sie. Es war kurz nach neun, gleichm\u00e4\u00dfig h\u00e4mmerte der Kurbeltrieb der schnaufenden Lok. Am westlichen Himmel blitzte es kurz hintereinander mehrfach auf. Grete fixierte das Blitzen, das sie ein wenig an Sylvester erinnerte.<\/p>\n\n\n\n<p>Tief in Gedanken, wie hypnotisiert starrte sie auf die vielen blinkenden glitzernden Punkte am Himmel, bis sie das Quietschen der Bremse des Zuges aus ihrem Tagtraum riss. Der Zug legte eine Vollbremsung hin, die alle Habe und Kinder entgegen der Sitzrichtung nach vorne zog. Zum Gl\u00fcck konnte Margret sich selber halten, sodass ihr Griff nur Gisela galt, die verschlafen ihre Augen aufriss, als ihre Mutter sie an ihrem Sommerkleid zerrte. Schreie hallten \u00fcber das Gleisbett. &#8220;Verdammt, mach den Schei\u00dfkessel aus du Vollidiot&#8221;, schrie einer von vorne. Mittlerweile war der Zug in einem Waldst\u00fcck zum Stehen gekommen. Blitzartig wurde Grete klar, was das h\u00fcbsche Blinken am Himmel war. Es waren Bomber. Feindliche Bomber. Das Flugzeugaluminium der De Havilland Mosquitos, die zur Zielmarkierung eingesetzt wurden, gl\u00e4nzte in der Morgensonne. Margret warf ihrer Mutter einen fragenden Blick zu, doch ehe Grete Antwort geben konnte riss der Schaffner die Abteilt\u00fcr auf und schrie: &#8220;Raus, alle sofort raus.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einiger Hektik fanden die f\u00fcnf sich auf ihrer Habe kauernd ein paar hundert Meter entfernt vom Zug wieder. Die Stille wurde nur von vereinzelnden Rufen und von Kindergeschrei durchbrochen. Am Himmel das tiefe Brummen der Flugzeugmotoren. Die Zeit verstrich, und es passierte nichts. Doch es war auch Zeit zum Nachdenken f\u00fcr Grete. Sie hatte lange keine Post mehr von Fritz bekommen. Wie es dem Vater ihrer Kinder wohl im Osten erging. Lebte er noch? Immerhin war er mittlerweile in leitender Stellung, viel Verantwortung f\u00fcr viele M\u00e4nner und f\u00fcr viel Material. In solchen Momenten spielten sich gruselige Szenen in Gretes Kopf ab. Was f\u00fcr Elend ihr geliebter Mann sehen musste, und vor allem wie viel Elend er selber \u00fcber die Menschen in Russland brachte. Nun, die Bolschewisten haben es ja nicht anders verdient. Die haben genug Land. Und wir haben ein Anrecht auf den Lebensraum im Osten. Vertr\u00e4umt dachte sie an Fritz. Sie hatte Angst. Panische Angst. Wenn er doch nur da w\u00e4re um sie in den Arm zu nehmen. Seltene Ber\u00fchrungen in einer komischen Ehe. Eine G\u00e4nsehaut breitete sich aus, als sie an seine Ber\u00fchrungen auf ihrer Haut dachte. H\u00e4nde, die Leichen schleppen und den Geruch des Todes an sich tragen. Nein, wahrlich es ist nicht einfach einen Soldaten zu lieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Mittlerweile war es mittags geworden, die Kinder waren allesamt m\u00fcde eingeschlafen. Der Schaffner n\u00e4herte sich mit ru\u00dfverschmiertem Gesicht von der Spitze des Zuges, und bat die Wartenden in ihre Abteile zur\u00fcckzukehren, damit der Zug seine Reise fortsetzen k\u00f6nne &#8211; Erleichterung machte sich breit. Grete weckte behutsam die Liebsten und sie bestiegen den Zug. Nach kurzem Warten deutete mehrfaches Ruckeln die Weiterreise an. Zufrieden lutschte Hartmut an einem alten Kanten Brot, der, wenn er mit etwas Zucker versehen war der beste Schnuller der Welt war.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Halt in Venlo dauerte schon viel zu lange. Doch der Krieg machte geduldig. Grete wartete also einfach ab was passieren w\u00fcrde, ohne sich gro\u00dfartig Gedanken \u00fcber die momentane Situation zu machen. Sie war schon lange nicht mehr der Meinung, dass es etwas n\u00fctzte etwas zu wollen. Man lie\u00df das Leben einfach nur noch \u201egeschehen\u201c. Hat es jemals etwas gebracht, dass man sich \u00e4rgerte, weil man mit den Lebensmittelmarken zu lange warten musste? Hat der \u00c4rger um die rationierte Butter etwas gebracht, wenn sie einfach nicht da war? Nein.<\/p>\n\n\n\n<p>Gelegentlich ruckelte der Zug, aber sonst passierte nicht wirklich viel. Dann kam der Schaffner vorbei und informierte die Reisenden, dass eine Weiterfahrt unm\u00f6glich war. Britische Bomber hatten die Gleisanlagen derart zerst\u00f6rt, dass die Reparatur mehrere Tage in Anspruch nehmen w\u00fcrde. Die Mitarbeiter der Reichsbahn arbeiteten mit Hochdruck daran die Lokomotive mit neuem Wasser und Koks zu versorgen um sie anschlie\u00dfend umzusetzen, damit der Zug die Fahrt nach Bochum zur\u00fcck aufnehmen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mittagssonne hatte die Waggons gut aufgeheizt, Gretes kleine Familie und die anderen Fahrg\u00e4ste warteten also in der kleinen Bahnhofshalle bis es weiter ging und k\u00fchler wurde. Ein Lichtblick gab es dennoch an diesem Tag, die helfenden H\u00e4nde der Schwestern der Bahnhofsmission verteilten Essen &#8211; Bohnensuppe.<strong><br><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Drittes Kapitel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bagration, oder das Ende aller Hoffnung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Grete wartete wie immer geduldig morgens an der Brotausgabe, fummelte ihre zerkn\u00fcllten Lebensmittel-marken heraus, als ihre Nachbarin sie ansprach, dass gestern bei ihr ein Telegramm f\u00fcr sie abgegeben wurde. Es waren Nachrichten aus Holland von ihrem Schwiegervater. In den knappen Zeilen klang es eher wie ein Befehl, als eine Bitte, dass Grete mit den Kindern sich &#8220;zeitnah in die Gr\u00fcne begeben&#8221; m\u00f6ge. &#8220;Wir kommen nach&#8221;, stand da. &#8220;Alles weitere sp\u00e4ter.&#8221; Das sind so S\u00e4tze, die mehr Fragen aufwerfen, als beantworten. Grete war unruhig. Von Fritz hatte sie seit dem Winter auch noch nichts Vern\u00fcnftiges geh\u00f6rt. Die Post aus dem Feld kam eh sp\u00e4rlich. Die Wochenschau im Kino war auch lange nicht mehr eine verl\u00e4ssliche Quelle. Denn die sendeten lieber gute Nachrichten und Erfolge. Nun dieses komische Telegramm aus Holland. Was das wohl alles zu bedeuten hatte? Grete \u00fcberlegte wie sie es realisieren konnte in die Gr\u00fcne zu kommen. Von Bochum nach Dortmund, von Dortmund nach Letmathe und dann zu Fu\u00df die restlichen Kilometer in die Gr\u00fcne. Irgendwie musste es ja gehen. Mit dem Mischbrot unter dem Arm hastete sie in Richtung Oberstra\u00dfe zur\u00fcck zu ihren Kindern. In ihrem Kopf kreisten die Gedanken. Ich muss Fritz schreiben, dachte sie. Ein Brief muss auch an Emmi, die in der Gr\u00fcne &#8220;einh\u00fctete&#8221; und die Tiere versorgte. Emmi war die Tante ihres geliebten Fritz, sie war in diesen Zeiten die gute Seele der Familie. Emmis Mann war vor kurzem verstorben, und so war es an ihr die L\u00e4ndereien am Gr\u00fcner Bach zu bewirtschaften, w\u00e4hrend die restliche Familie entweder in Holland ihren Dienst tat, oder aber im Krieg war. Fritzens j\u00fcngere Schwester Ilse war auch mit in Holland, sie sollte dort Jugendpflege lernen. &#8220;Muss ich noch den Wuppertalern schreiben?&#8221;, \u00fcberlegte sie kurz, doch verwarf den Gedanken schnell. &#8220;Die Wuppertaler&#8221; war eigentlich eher ein Schimpfwort, wenn sie \u00fcber den Rest ihrer eigenen Familie nachdachte. Fr\u00fcher, als ihre Eltern noch lebten, da hatten sie eine erfolgreiche gro\u00dfe Schlachterei in Elberfeld. Nach dem pl\u00f6tzlichen Tod ihrer Eltern hatte Gretes Vormund das vollendet, was die gro\u00dfe Weltwirtschaftskrise nicht schaffte, und den ganzen Laden ruiniert. Gretes Schwester Lilo hatte sich im letzten Winter das Leben genommen, weil sie den Befehlen des F\u00fchrers nicht mehr folgen wollte. Was blieb war ein Haufen Tanten und Cousins, die immer da waren, wenn es allen gut ging, aber wenn es ernst wurde, war sich jeder der n\u00e4chste. Nein, die Gr\u00fcne war schon lange Ihr zuhause geworden und Fritzens Familie war ihre Familie.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sommer im Jahr 1944 war ein besonderer, irgendwie f\u00fcr Grete ein besonders komischer, vielleicht der schrecklichste in ihrem Leben, aber das wusste sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Amerikaner und Engl\u00e4nder waren letzten Monat in D\u00fcnkirchen gelandet. Irgendwie schien das alles mit dem Krieg immer sinnloser zu werden. Von Fritz gab es immer noch keine vern\u00fcnftigen Neuigkeiten. Letzte Woche war sie im Kino und hatte die eine Wochenschau gesehen, aber auch da wurde nicht viel \u00fcber die Ostfront geredet, es war zum verr\u00fcckt werden. An der B\u00e4ckerei hatte sie geh\u00f6rt, dass es ein feiges Attentat auf Adolf Hitler gegeben h\u00e4tte. Schon komisch, einige waren erleichtert, dass der Attent\u00e4ter gescheitert war, aber bei anderen Freunden hatte sie durchaus das Gef\u00fchl, dass die es schade finden, dass es nicht geklappt hat. Es war nicht gut in diesen Zeiten eine eigene Meinung zu haben. Und es war wahrlich noch schlechter, wenn man diese Meinung auch noch laut sagte. Ehe man sich versah klopfte die Gestapo oder eine Greifertruppe der WaffenSS an der T\u00fcr und man wurde nie wieder gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Jetzt bekommen wir richtig das Fell voll&#8221;, sagte Opa Wolinski aus dem dritten Stock. Wolinski war alter Zechenarbeiter, seine Eltern waren vor vielen Jahren aus Schlesien ins Ruhrgebiet gekommen. Und &#8220;Opa&#8221; wusste was Krieg ist, hatte er doch damals schon den ersten Weltkrieg mitgemacht. &#8220;Glaube mir Gretel&#8221;, sagte er &#8221; die erz\u00e4hlen uns nur die H\u00e4lfte der Wahrheit und schicken uns alle zum Teufel. Das war damals genauso.&#8221; Grete beunruhigte die Situation. Was war, wenn Wolinski Recht behielt? War die Front im Osten vielleicht schon zusammengebrochen? Nein, sie wollte sich nicht in Depressionen verlieren. Sie musste die Reise in die Gr\u00fcne planen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Im Osten lief unterdessen das an, was die Russen unter dem Begriff &#8220;Bagration&#8221; zusammenfassten, eine Begradigung des Frontverlaufes. Doch diese simple Begradigung war der schlimmste Alptraum f\u00fcr die 36. Infanteriedivision, die sich versuchte in der westlichen Ukraine einzugraben<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Fritz wurde von einem lauten Ger\u00e4usch unsanft aus dem D\u00e4mmerungsschlaf gerissen. Krome bretterte mit seinem Krad in die Stellung. Er kam eben vom Stab und hatte die letzten Neuigkeiten parat. Fritz schnappte sich sein \u201eGer\u00f6del\u201c von der Ecke des Feldbettes, zupfte sich die Uniform zu recht um wenigstens halbwegs wie ein Vorgesetzter zu wirken, w\u00e4hrend er die Meldung in Empfang nahm.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum hatte er den letzten Knopf gerichtet, da stolperte sein Adjutant ins Zelt um die Ankunft Kromes zu melden. Er schlug die Hacken zusammen, riss den Arm hoch und schrie &#8220;Heil Hitler, Herr Oberleutnant, melde gehorsamst Kradmelder Obergefreiter Krome ist zur\u00fcck.&#8221; &#8220;Man, man, verschonen sie mich mit dem Schei\u00df&#8221;, knurrte Fritz ihn an. &#8220;Besorgen Sie Krome und mir lieber einen hei\u00dfen Tee&#8221;, das war alles was Fritz dazu zu sagen hatte, und er kommentierte den Auftritt seines forschen Adjutanten noch mit einer wegwischenden Handbewegung, als h\u00e4tte er eine Fliege vor dem Gesicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden M\u00e4nner sa\u00dfen im schummrigen Licht des Zeltes und fixierten einander. Schweigen war eine gute Form der Kommunikation. Krome holte ein paarmal tief Luft ehe er anfangen wollte zu reden. Fritz wusste, dass nichts Gutes bei diesem Gespr\u00e4ch herauskommen w\u00fcrde. &#8220;Komm&#8217; schon Krome, raus mit der dreckigen Wahrheit&#8221;, ermunterte Fritz seinen Kradmelder. Krome begann in seiner Tasche ein paar Papiere heraus zu fummeln. &#8220;Ich habe sowas wie einen Marschbefehl und eine Karte, Herr Oberleutnant. Was da drin steht wird ihnen nicht schmecken.&#8221;, sagte Krome leise, und schob dabei seine Kopfbedeckung ein wenig nach hinten, um sich alsbald mit einem fast schwarzen Taschentuch die Stirn abzuwischen. Er schob die Unterlagen langsam \u00fcber den Tisch. Fritz nahm sich zuerst die Lagekarte, faltete sie vorsichtig auf und breitete sie auf den Tisch aus. Skeptisch betrachtete Fritz die vielen roten Striche mit Bleistift, die Anmerkungen zu Truppenst\u00e4rke und zu den Truppengattungen der feindlichen Verb\u00e4nde. \u201eBagration\u201c war in Druckbuchstaben \u00fcber die Skizze geschrieben. Sein Blick hob sich langsam und sein verwirrter Blick traf Krome. Mit dem Zeigefinger tippte er auf das Wort und fragte: &#8220;Krome, was zur H\u00f6lle hei\u00dft das?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Antwort kam nicht wie aus der Pistole geschossen, sondern mit einigem dramatischen Schweigen vorher. &#8220;Die sagen, dass die Russen eine Offensive planen. Es soll morgen, oder so losgehen. Frontbegradigung bis hinter den Bug, so glauben die.&#8221;, murmelte Krome kaum verst\u00e4ndlich. Fritz kr\u00e4uselte die Stirn, weil er noch nicht ganz begriffen hatte was das nun hie\u00df. Der letzte Befehl war &#8216;Eingraben, Stellung halten!&#8217;, dies sah nun eher nach einem drohenden Marschbefehl aus. Krome erg\u00e4nzte, dass er unter der Hand geh\u00f6rt habe, dass die Bolschewisten mit Maus und Mann im Norden schon gegen die Front rennen. T34 vorneweg mit Vollgas und dann in mehreren Reihen Menschenmassen, die alles Niederm\u00e4hen was bei drei nicht weg ist, die gef\u00fcrchteten Stalinorgeln, eine j\u00e4mmerlich heulende Raketenwerferbatterie, schie\u00dfen den Weg frei. Wenn das Szenario auch hier im S\u00fcden drohte, dann gute Nacht Marie.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Trossfahrzeuge waren lange nicht alle einsatzbereit, die Gesch\u00fctze konnten unm\u00f6glich alle mitgenommen werden. Es war schwer in diesen Zeiten Ersatzteile zu bekommen. Was nicht durch feindlichen Beschuss in den letzten Monaten m\u00fcrbe geworden war, das segnete durch Verschlei\u00df das Zeitliche. Fritz rieb sich die Stirn. &#8220;Denk nach, verdammt, denk nach!&#8221;, zwang er sich. Er blickte zu Krome. Dann schrie er nach seinem Adjutanten, dass er sofort alle Unteroffiziere zusammentrommeln soll. Lagebesprechung war befohlen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Zwischenzeit fummelte er das Schriftst\u00fcck auseinander und begann zu lesen. Krome schl\u00fcrfte seinen Tee derma\u00dfen laut, dass Fritz ihm einen Blick zuwarf der so kalt war, dass der Tee sofort h\u00e4tte gefrieren m\u00fcssen. &#8220;Rei\u00dfen sie sich zusammen, Mann.&#8221;, zischte er. Fritz las so konzentriert, dass er zwischendurch einige Worte unbewusst laut aussprach. Stab verlegt hinter den Bug, war zu h\u00f6ren und in einem Halbsatz &#8220;Abr\u00fccken und Stellung hinter den Bug verlegen.&#8221; Der Rest war Gemurmel.<\/p>\n\n\n\n<p>Fritz wurde nun klar, dass die Stuka, die er letztens gesehen hatte wirklich in Richtung Front unterwegs waren um gegen Panzer vorzugehen. Es waren aber nicht hunderte Flugzeuge wie zu Beginn des Feldzuges gegen Russland, sondern lediglich ein paar Flugzeuge. \u201eNun, wenn die hier \u00fcber uns fliegen, dann kommen die Bolschewisten bestimmt \u00fcber Kowel um entlang der Stra\u00dfe nach Lublin durchzusto\u00dfen.\u201c, dachte er halblaut. Fritz rechnete, und schob einen kleinen zerkratzten Ma\u00dfstab \u00fcber die Karte. \u201eHm\u201c, brummte er. \u201eEs sind ca 160 Kilometer von Kowel nach Lublin. Wir m\u00fcssen nach Lublin. Von hier in Hodowice sind das bestimmt 100 Kilometer.\u201c Die Stellung in Hodowice einem kleinen \u00d6rtchen an der Verbindungsstra\u00dfe lag ungef\u00e4hr auf der H\u00e4lfte der Strecke zwischen dem ehemaligen Grenzverlauf am Bug im Westen und der gro\u00dfen Stadt Kowel im Osten. Diesen ungastlichen Ort hatten sie vor zwei Wochen geordnet verlassen. Verbrannte Erde zur\u00fcckgelassen, so wie es befohlen war. Die Russen sollten ins Leere laufen, ihr Nachschub sollte die Versorgung regeln. Vor Ort jedenfalls w\u00fcrden die Bolschewisten nichts zu fressen finden, dachte sich Fritz. Nun scheint es, als wenn sie sich da sammeln und diese Bagration vorbereiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Fritz schaute in die Augen seiner Unteroffiziere die mittlerweile den Unterstand betreten hatten. Er blickte sie an, als hoffte er, dass sie Gedanken lesen k\u00f6nnten und er ihnen seine Worte gar nicht mitteilen m\u00fcsse. Doch die M\u00e4nner blickten nur fragend zur\u00fcck. &#8220;Meine Herren, die Russen sammeln sich bei Kowel so scheint es, und sie bereiten einen Sto\u00df bis zum Bug vor.&#8221;, begann er. Es folgte eine Pause. &#8220;Machen wir uns nichts vor, es wird nicht leicht. Wir m\u00fcssen irgendwie schnellst m\u00f6glich hinter den Bug. Dabei bleibt zu hoffen, dass die Br\u00fccken vor Chelm noch stehen. Zur Not krabbeln wir mit unserem Kram \u00fcber die alte Eisenbahnbr\u00fccke, die da parallel l\u00e4uft. Wir haben den Befehl beide Br\u00fccken zu sprengen. Unangenehm ist dabei, dass der Termin f\u00fcr die Sprengung \u00fcbermorgen Abend um 18.00 Uhr ist.&#8221;, begann er seine Ausf\u00fchrungen. Unsichere Blicke wurden gewechselt. Schulte, ein grauhaariger erfahrener Mann aus Soest fragte vorsichtig nach: &#8220;Herr Oberleutnant, mit Verlaub, wenn wir hier alles abr\u00fcsten, was bestimmt bis morgen fr\u00fch dauert, und dann los sollen, dann haben wir in knapp 40 Zeitstunden 100 km Fu\u00dfmarsch vor uns, mit M\u00e4nnern, die nicht geschlafen haben. Wie soll das gehen? Wenn wir 8 Stunden Rast einkalkulieren, so plus minus, dann ist das kaum zu schaffen, oder?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Fritz blickte Schulte nachdenklich an. &#8220;Ja, das wird haarig, zumal wir auf niemanden warten k\u00f6nnen. Wer zu sp\u00e4t kommt der muss schwimmen.&#8221;, schob er nach.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Machen wir uns nichts vor M\u00e4nner. Ein T-34 kann auf dieser Stra\u00dfe fast 50 Kilometer in einer Stunde fahren. Wenn die Russen einmal in der Stunde stoppen um die Infanterie nachzuholen, dann rennen die uns \u00fcber den Haufen.&#8221; knurrte Fritz die M\u00e4nner an. Es war ja schlecht m\u00f6glich die Stra\u00dfe weg zu sprengen. Nein, dachte Fritz, wenn wir jetzt hier L\u00e4rm machen, dann bekommen die russischen Fernaufkl\u00e4rer das mit und stecken uns im Handumdrehen in die Tasche. &#8220;Nein, meine Herren&#8221;, setzte Fritz seine Ansprache fort, &#8220;wir schlafen gleich ein paar Stunden. Vorher wird alles gepackt, was wir f\u00fcr 2 Tage an Verpflegung brauchen, dann r\u00fccken wir in der Dunkelheit leise ab. Wir lassen alles hier, was uns bremst. Wir m\u00fcssen nicht dar\u00fcber nachdenken wie wir uns gegen diese \u00dcbermacht verteidigen, sondern es geht hier um das nackte \u00dcberleben.&#8221; Alle wussten zwar was ihnen bevor stand, aber keiner konnte sich ausmalen, was in den n\u00e4chsten Tagen wirklich passieren w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Krieg ist immer grausam, aber die Lage der M\u00e4nner in diesem Frontabschnitt war nur mit einem einzigen Wort zu beschreiben, sie war aussichtslos. Flaches Gel\u00e4nde, eine Bahnlinie und eine Stra\u00dfe, die kilometerlang nur schnurgeradeaus f\u00fchrte, waren zur Flucht zu Fu\u00df denkbar ungeeignet. F\u00fcr die J\u00e4ger, mit ihren schweren Panzern aber war sie ideal. Zwei Divisionen lagen zwischen Kowel und dem Bug. Knapp 60000 deutsche Soldaten der Wehrmacht. Ersch\u00f6pft von f\u00fcnf Jahren Krieg. Sie waren nicht nur M\u00e4nner, sondern auch V\u00e4ter von Kindern und Ehepartner. Die Analyse von Fritz war richtig, wenn sie heute Nacht aufbrechen, dann ist es knapp, aber zu schaffen. Eines durfte aber auf keinen Fall passieren. Die Russen durften nicht vor Morgen Mittag loslegen, denn sie brauchen einen Vorsprung. Fritz dachte an seinen Vater, dem man nachsagte, dass er seine Frau mit Schuhen bezahlt hatte. Der war doch damals tats\u00e4chlich von der Gr\u00fcne immer zum Gro\u00dfendrehscheid hinter Altena gelaufen um seine Liebste zu besuchen. Das waren zwar nur 12 Kilometer Luftlinie, aber sein Vater war hin und zur\u00fcck immer einen ganzen Tag unterwegs. Insgeheim w\u00fcnschte Fritz sich nun diese Bedingungen im Gel\u00e4nde. Anstrengend zwar, aber sicher vor feindlichen Panzern, die in bergigem Gel\u00e4nde viel langsamer vorankommen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die M\u00e4nner hatten ein Ziel, das war der m\u00e4chtige Fluss Bug, die M\u00e4nner hatten einen Wunsch, der war es zu \u00fcberleben. Die hatten einen Plan, der war gut durchdacht. Sie waren motiviert bis in die Haarspitzen. Sie brauchten verdammt viel Gl\u00fcck, und es musste alles passen. Das einzige, was die M\u00e4nner nicht wussten, als sie den Unterstand verlie\u00dfen um ihre Sachen zu packen, war die Tatsache, dass sie keine Chance hatten. Sie waren bereits umzingelt und verloren. In den kommenden zw\u00f6lf Stunden verloren fast 60000 Mann ihr Leben. Niedergemetzelt auf einer Flucht, die in fast keinem Geschichtsbuch zu finden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Viertes Kapitel<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Telegramm des Schicksals<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Grete hatte ihren Versuch nach Holland zu kommen noch nicht verdaut. Zus\u00e4tzlich schwebte noch das letzte Telegramm ihrer Schwiegereltern wie ein Damoklesschwert \u00fcber ihr. T\u00e4glich w\u00fchlten in ihr die Gedanken um die Kinder, und dass das Leben hier im Ruhrgebiet lange schon viel zu gef\u00e4hrlich geworden war. Sie brauchte endlich Gewissheit und eine Entscheidung, was nun mit der Kur und mit der Kinderlandverschickung passieren sollte. Sie wollte nur noch raus aus dem Ruhrgebiet. Am Besten in den S\u00fcden. Weit weg von der Front. Ein Telegramm nach Holland konnte Sicherheit bringen. Vielleicht hatte ihr Schwiegervater schon was erreichen k\u00f6nnen. Immerhin, er hatte Einfluss. Er kannte viele Gauleiter und Jugendhilfetr\u00e4ger, die sich schon um die Kinder k\u00fcmmern w\u00fcrden. Nur ohne die pers\u00f6nliche Absprache war wenig zu wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>So schn\u00fcrte Grete an diesem Montagmorgen ihre alten Stiefel, nachdem sie mit den Kindern die letzten Lebensmittelreserven aufgebraucht hatte und ging in Richtung Postamt. Hunger und Verzweiflung waren schon lange Hoffnung und Zuversicht gewichen. &#8220;Irgendwie m\u00fcssen wir hier weg&#8221;, dachte Grete, w\u00e4hrend sie \u00fcber die schuttbedeckten Stra\u00dfen in Richtung Post schlich. Erst Anfang 40, aber den Gang einer alten gebrochenen Frau. Viele Gedanken schossen ihr durch den Kopf, als sie so monoton einen Fu\u00df vor den anderen setzte. Sie zwang sich die Schritte zu z\u00e4hlen, damit der Kopf nicht durchdrehte und ihr der Weg nicht so endlos weit vorkam.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie erreichte das Postamt endlich und ihr erster Gedanke, als sie den Haufen Steine und Schutt sah, sollte sich bewahrheiten als sie eintrat. Hier war nichts zu wollen. Ein freundlicher Postbeamter stand mit einer Schaufel in der Hand an der Stelle, wo bis vor einigen Tagen noch das pr\u00e4chtige Eingangsportal seine G\u00e4ste empfing. &#8220;Ne, das tut uns leid, verehrte Dame, aber wir machen die Post nur noch \u00fcber Poststelle Zentrum, hier ist erstmal Aufr\u00e4umen angesagt. Wer wei\u00df, wie lange das dauert, bis die Kabel alle wieder an Ort und Stelle sind, wo die eigentlich hingeh\u00f6ren. Leider sind die ganzen Techniker im Einsatz f\u00fcr das Vaterland, und die Pension\u00e4re, die den Notdienst betreuen sind seit Tagen \u00fcberlastet.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Mit gesenktem Haupt schlich Grete wieder in Richtung ihrer Wohnung. &#8220;Es h\u00e4tte ja mal was klappen k\u00f6nnen&#8221;, murmelte sie schon fast melodisch vor sich hin. Immer wieder und wieder, als wenn es der Selbsthypnose dienen sollte. Die H\u00e4nde nestelten in ihrer Tasche an ein paar alten Lebensmittelmarken herum. Der Hunger kam wieder hoch. Hatte sie doch heute Morgen den Kindern das letzte Brot gegeben. &#8220;Eine Mutter kann immer verzichten&#8221;, zischte sie zwischen den zusammengepressten Lippen hervor und dr\u00fcckte durch die Jacke hindurch mit beiden H\u00e4nden kr\u00e4ftig auf ihren Bauch um sich von den Bauchschmerzen abzulenken.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf halber Strecke fasste Grete den festen Entschluss, dass sie keinen Tag mehr warten will. Nun galt es die Kinder schnellstm\u00f6glich einzupacken und in die Gr\u00fcne zu fahren. Es w\u00fcrde da auch dauern bis die Schwiegereltern nachk\u00e4men, aber eine Entscheidung zu \u201eirgendwann\u201c ist immer besser als keine Entscheidung. In der guten alten Gr\u00fcne ist bestimmt noch alles intakt und die gute Emmi, h\u00e4tte bestimmt ausreichend zu essen. Au\u00dferdem ist das Postamt in der Gr\u00fcne bestimmt noch nicht einem Bombenangriff zum Opfer gefallen, sodass sie schnell ein Telegramm nach Holland absetzen k\u00f6nne, um den Schwiegereltern Bescheid zu geben, dass sie unversehrt angekommen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erniedrigung, dass sie mit ihrer Familie im Schoss der Schwiegereltern Zuflucht suchen musste wurmte sie sehr. Sie war stolz eine Mutter zu sein, und sie war sehr stolz eine eigene, mehr oder weniger intakte kleine Familie zu haben. Aber was hielt sie in Bochum? Arbeit gab es lange schon nicht mehr, ihr Mann arbeitete schon lange nicht mehr zivil.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Widrigkeiten des Krieges zwangen sie zum schnellen und entschlossenen Handeln. Au\u00dferdem ging es dabei um das Wohl der Kinder. Die Kinder waren alles was sie hatte. Also packte sie in Gedanken schon zwei Koffer. Sie packte diese Koffer wohl ahnend gr\u00fcndlich, denn es war kein Packen f\u00fcr eine Reise, sondern ein Abschied f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit, dachte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum, dass Grete zuhause angekommen war begann sie zu packen. Die Kinder murrten nicht. Spielzeug hatten die Kinder sowieso nicht. Gisela stopfte Ursel, eine kleine Plastikpuppe in den Koffer und deckte sie mit einem Handtuch zu. Grete glaubte zwar, dass es nicht f\u00fcr eine lange Zeit sein sollte, so lie\u00df sie die wenigen Bilder an der Wand der Wohnung h\u00e4ngen. Bilder, auf denen ihre kleinen mit ihrem Vater im Atelier um die Ecke abgelichtet wurden. Es war ein Abschied f\u00fcr immer sein, als sie den Schl\u00fcssel zur Wohnungst\u00fcr knarzend im Schloss umdrehte.<\/p>\n\n\n\n<p>Warm und beschwerlich war die Zugfahrt in die Gr\u00fcne. Mittags um eins stand Grete mit ihren Kindern alleine am kleinen Bahnhof von Letmathe, nahe der ber\u00fchmten Dechenh\u00f6hle.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie schaute sich um &#8211; Menschenleer. Weit und breit war niemand zu sehen, als der Zug pfeifend und schnaufend in Richtung Iserlohn weiter fuhr und die Rauchwolke langsam den skurrilen Anblick der kleinen Familie freigab. Das kleine Zahlh\u00e4uschen am Eingang zur H\u00f6hle, wo normaler Weise um diese Uhrzeit hunderte Menschen auf eine Eintrittskarte warteten, war sp\u00e4rlich mit Brettern verrammelt. Grete schob die Koffer auf den Kinderwagen und setzte Trutzhart oben auf. So schob sie das hoffnungslos \u00fcberladene Gef\u00e4hrt los. Margret hatte Gisela an der Hand, die neugierig in die Gegend glotze und eigentlich mehr stolperte als gerade aus lief.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum musste das Haus der Schwiegereltern auch nur so weit oben liegen, dachte Grete bei sich. Der Kinderwagen quietschte und schrie unter der ungew\u00f6hnlichen Belastung durch die Koffer. Trutzhart thronte oben auf dem ganzen Stapel und sa\u00df rittlings auf dem Koffer. An den Schnallen hielt er sich fest und schlug in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden die Hacken an die Seite und spornte seine Mutter mit einem \u201eH\u00fca, schneller doch!\u201c an. Er hatte so viel Spa\u00df an dieser Reise wie ein Junge von f\u00fcnf Jahren das eben so haben kann in solchen Tagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gr\u00fcner Tal schien endlos. Die Mittagssonne brannte unerbittlich. Hartmut schrie schon fast seit dem Bahnhof vor Hunger und Margret wirkte in ihrem gebeugten Gang eher wie eine alte Witwe, aber nicht wie ein Kind, dass bald 10 Jahre alt werden sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Weg f\u00fchrte sie vorbei an vielen kleinen Betrieben, die das Tal seit \u00fcber einhundert Jahren einrahmten. Buntgie\u00dfereien, Zink war hier vor vielen Hundert Jahren schon abgebaut worden, und vor allem Drahtziehereihen. Der kaltgezogene Draht aus der Gr\u00fcne war im gesamten Reich bekannt. Auch D\u00fcnnb\u00e4nder aus Federstahl wurden hier gezogen. \u201eDie beste Feder lieber Sohn, ist die von Brause Iserlohn\u201c, murmelte Grete. Ihre Gedanken waren schrecklich unsortiert. Die F\u00fc\u00dfe schmerzten. Ihre Blicke schweiften umher.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vielen Schornsteine der kleinen Firmen rauchten nicht. Nur bei den wenigen Firmen in welchen R\u00fcstungsg\u00fcter hergestellt wurden waren vereinzelt die \u00d6fen an, und die Produktion lief auf Hochtouren. Meist standen nun wohl Frauen an den Werkb\u00e4nken, wo vor wenigen Jahren noch Schmiede und Schlosser ihre Arbeit taten. Vereinzelnd entdeckte Grete Barracken, die von Wehrmachtssoldaten bewacht wurden. Wohl f\u00fcr Zwangsarbeiter, dachte Grete bei sich. Naja, besser so, als tot. Tot &#8211; Grete dachte wieder an ihren Fritz. \u201eVerdammt, den Brief habe ich immer noch nicht geschrieben.\u201c, sie nahm sich das Schreiben des Briefes f\u00fcr den morgigen Abend vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach \u00fcber einer Stunde Fu\u00dfmarsch und stumpfem Gequietsche der R\u00e4der machen die Vier eine kleine Pause an einer zug\u00e4nglichen Stelle am Gr\u00fcner Bach. Eigentlich lag hier hinter der Grundschule die Bleiche. Wei\u00dfw\u00e4sche wurde am Waschtag immer nach dem Sp\u00fclen zum Bleichen ausgelegt, damit sie wei\u00df blieb. Nur wenige Bettw\u00e4schest\u00fccke lagen heute auf dem saftigen k\u00fchlen Gr\u00fcn. Blo\u00df ein wenig die F\u00fc\u00dfe k\u00fchlen und einen Moment im Schatten verweilen. Grete blickte abwechselnd ins Wasser, das munter vor sich hin t\u00e4nzelte und auf die lange Stra\u00dfe zu ihrem Ziel. Die eigentliche Siedlung hatten sie lange hinter sich gelassen. Noch ein Drahtwerk, dann das alte Forsthaus in dem seit einigen Jahren eine Schankwirtschaft war und dann waren es nur noch ein paar hundert Meter.<\/p>\n\n\n\n<p>Emmi sa\u00df mit ihrer Schwester Ida auf der Bank vor dem Schweinestall und staunte nicht gerade schlecht, als Grete mit ihrem quietschenden Gespann um die Kurve die Stra\u00dfe hoch kam. Es dauerte einige Zeit, bis Erstaunen und Entsetzen \u00fcber den spontanen Familienzuwachs der Neugier wich. \u201eMensch Grete, setz Dich erstmal. Ich mach n Kaffee\u201c, sagte Ida freudig. Die Einladung zum \u201aKaffee\u2018 war f\u00fcr Grete was Wunderbares. Nat\u00fcrlich war es Malzkaffee, den Ida aufbr\u00fchte. Echten Bohnenkaffee h\u00e4tte Ida wohl nur am Sonntag gekocht, oder wenn der F\u00fchrer zum Geburtstag vorbei geschaut h\u00e4tte. \u201eKinder, ihr sehr ja halb verhungert aus\u201c, rief Emmi erstaunt und kniff Margret dabei in die Wange wie das Tanten eben so tun und wohl auch heute noch zum Leidwesen ihrer Nichten und Neffen tun.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch mach Euch erst mal ein \u201aB\u00fctterken\u2018\u201csagte Emmi und stakste die steile Treppe zum Dachboden hinauf, wo der alte R\u00e4ucherofen stand. Dort hingen immer ein paar St\u00fccke Speck, Dauerwurst und etwas Schinken. Einige Male im Jahr wurde im Haus ein Schwein geschlachtet, und alles was haltbar gemacht werden musste, hing hier oben im Kaltrauch. Das alte Gem\u00e4uer sorgte das ganze Jahr \u00fcber f\u00fcr gleichbleibende Temperaturen, sodass die Lebensmittel nicht verdarben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden M\u00e4dchen konnten beim Essen ihren Hunger kaum verbergen, sie schlangen das Brot fast ohne es zu kauen. Grete hatte sich eine Scheibe an die Seite gelegt und trank erst einmal den warmen Kaffee. Emmi schob ihr eine Zigarette r\u00fcber. Grete nahm einen tiefen Zug und als sie ausatmete, f\u00fchlte es sich an, als wenn die ganze Last von ihren Schultern abfallen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNa, nu verz\u00e4hl mal erst Diern\u201c, animierte Emmi. \u201eWarum seid ihr hier? Gibbet was Neues von Fritz?\u201c Grete schwieg kurz, dann begann sie die ganze Geschichte zu erz\u00e4hlen. Von dem Brief, den sie schon lange schreiben wollte, von den Fliegerangriffen in Bochum, ihrer missgl\u00fcckten Reise nach Holland, dem Telegramm von \u201eOppa\u201c und von dem Hunger und der Not welche die kleine Familie in den letzten Monaten erlebt und erlitten hatte. Grete erz\u00e4hlte auch von der zerbombten Hauptpost, und dass sie mit ihren Schwiegereltern telegrafisch in Kontakt treten wollte wegen der Kinderlandverschickung, und dass sie in die Gr\u00fcne zitiert wurde. Sie erz\u00e4hlte von dem Brief, den sie dringend an ihren Mann schreiben wollte und auch von dem Telegramm, dass sie nun \u00fcber das alte Postamt in der Obergr\u00fcne versenden k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden Schwestern lauschten gespannt. Die M\u00e4dels spielten mittlerweile vergn\u00fcgt an dem Bach und die Jungs schliefen tief und fest in der Stube, in dem weichen Federbett ihres Gro\u00dfvaters.<\/p>\n\n\n\n<p>Die drei Frauen waren sich schnell einig, dass es die richtige Entscheidung war in die Gr\u00fcne zu kommen. Endlich etwas Ruhe!<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcnftes Kapitel<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Steckr\u00fcbenmus und Trauer<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der Nacht zum 20. Juli 1944 sa\u00df der Adjutant von Fritz in der Kommandantur in Lublin auf einem Hocker an einem alten Schreibtisch. Vor sich lag eine Art Postkarte. \u201eVerlustmeldung\u201c stand dar\u00fcber. Er k\u00e4mpfte mit den Tr\u00e4nen. Keine Ahnung, welche pers\u00f6nlichen Worte er f\u00fcr Grete finden sollte. Die Eindr\u00fccke der vergangenen 48 Stunden waren zu schlimm. Das erlebte Elend wird f\u00fcr viele Menschenleben gereicht haben, aber leider musste ein einzelner Mann nun f\u00fcr die gesamte Abteilung diese Karten schreiben. Er war schlie\u00dflich der einzige \u00dcberlebende von 130 Mann aus den Stellungen bei Hodowice.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSehr geehrte Frau Schweitzer, ich bedaure Ihnen mitteilen zu m\u00fcssen, dass ihr Gatte Oberleutnant Fritz Schweitzer, vorgestern im Kampf f\u00fcr das deutsche Vaterland gefallen ist. Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass die Offizierskiste mit allen pers\u00f6nlichen Sachen beim Beschuss der Trossfahrzeuge vor Lublin verloren gegangen ist.\u201c Hochachtungsvoll, Houben Leutnant, so unterzeichnete er die Verlustmeldung. Waren seine letzten Zeilen schon kaum zu lesen, so strengte ihn die Unterschrift entsetzlich an. Nie wieder w\u00fcrde es ihm schwerer fallen etwas zu unterschrieben, als diese Verlustmeldungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hatte er sich je schlechter gef\u00fchlt? Nein, nichts konnte schlimmer sein, als diese Zeilen zu schreiben. Treue f\u00fcr seinen Oberleutnant, das war sein einziger Lebenszweck in den vergangenen Jahren. Nun war sein \u201eChef\u201c gefallen. Der zerfetzte K\u00f6rper irgendwo in der aufgew\u00fchlten Erde in der Ukraine. Er erinnerte sich nur noch an den kurzen Schrei, den er vernommen hatte als sie versuchten am Rande der Hauptstra\u00dfe auf einen LKW zu springen. Schlimm, dieses Gef\u00fchl der Machtlosigkeit nichts f\u00fcr die zur\u00fcckgebliebenen Kameraden tun zu k\u00f6nnen. Jetzt, in der Kommandantur in Lublin, da versuchte er sich eine Vorstellung von den Zahlen der letzten Stunden zu machen. Weniger als 1000 Mann waren \u00fcbrig geblieben. Eine komplette Stadt an Menschen einfach so ausgel\u00f6scht. \u00dcberrannt von den verfluchten Bolschewisten. Die werden keine Gefangenen gemacht haben. F\u00fcr so ein Theater werden die keine Zeit gehabt haben, dachte er bei sich. Wahrscheinlich haben die alles, was noch zuckt mit Bajonetten abgeschlachtet wie Schweine.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun sa\u00df er wortlos und schweigend in der Baracke der Kommandantur und starrte die Wand an. Seine letzte Pflicht hatte er getan. Das war alles, was er noch an Kraft hatte. Das war das Letzte, was er diesem Land und diesem F\u00fchrer geben konnte und wollte. Sein K\u00f6rper hatte aufgeh\u00f6rt zu funktionieren. In seinem Kopf sah er nur noch Blut und h\u00f6rte Schreie. Schreie von Freunden und Kameraden, die er in den vergangenen Stunden verloren hatte. Erst am sp\u00e4ten Abend kam eine Rot-Kreuz Schwester und f\u00fchrte den weinenden und zitternden Mann in ein Hospital.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwo in der Westukraine nahe des Flusses Bug lag ein kleiner Bleistiftstummel im blutigen Gras. Er war abgebrochen!<\/p>\n\n\n\n<p>Grete war an diesem Morgen schon fr\u00fch unterwegs. Sie ging das Tal hinauf um beim Bauern ein paar Kartoffeln zu tauschen. Am Ende des Tales, wo es wieder nach Ihmert abw\u00e4rts ging, lagen gro\u00dfe H\u00f6fe, bei denen es bestimmt noch etwas zu holen gab. Emmi hatte zwei Steckr\u00fcben aus dem Keller geholt und die Schweinebacke kochte schon, damit es einen kr\u00e4ftigen Sud geben m\u00f6ge. Die beiden Schwestern kamen gar nicht damit klar, wie grausam der Krieg zu Kindern sein konnte und gaben nun alles, damit die Kleinen wieder zu Kr\u00e4ften kommen w\u00fcrden. Es sollte der Tag werden an dem eine Postkarte aus Lublin in die friedliche Stille des Gr\u00fcnertals einschlagen sollte wie eine Bombe in ein Krankenhaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Postbote kam heute nicht p\u00fcnktlich und zuverl\u00e4ssig wie immer um die Mittagszeit. Nein, denn er war unten in der Gr\u00fcne aufgehalten worden. Dieses Mal kam die Post mit einem grauen K\u00fcbelwagen in dem zwei Soldaten sa\u00dfen. Sie hatten einen Brief f\u00fcr Grete dabei, denn die folgenschwere Karte steckte in einem Umschlag des Wehrbereichskommandos. Nat\u00fcrlich war die Karte, die Fritzes Adjutant geschrieben hatte an die Bochumer Adresse gegangen, sodass das Milit\u00e4r die Heimatanschrift des Gefallenen als n\u00e4chstes aufsuchte. Es war ein dicker Umschlag.<\/p>\n\n\n\n<p>Grete kam sp\u00e4t nach Hause, sie hatte erfolgreich ein paar Kilogramm Kartoffeln getauscht. Das wie Leder gegerbte Gesicht grinste von einem Ohr bis zum anderen, als sie auf den Hof kam. Emmi sa\u00df auf der Bank, w\u00e4hrend Ida in der K\u00fcche einen Kaffee vorbereitete. \u201eKomm man her\u201c, sagte Emmi zu Grete und zog sie auf die Bank. \u201eZwei Kettenhunde von der Kommandantur haben hier Post f\u00fcr dich abgegeben, ich glaube wir m\u00fcssen jetzt ganz stark sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man versucht sich die Gedanken von Grete in diesem Augenblick vorzustellen, dann kann man sich nur die gr\u00f6\u00dfte Katastrophe vorstellen, die einem selbst widerfahren kann. Grete hatte schon viel verloren in ihrem Leben. Die Eltern, das Elternhaus, ihre Schwester das Geld und die Habe. Aber nun den Mann? Die Zukunft und die Hoffnung auf ein besseres Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie fummelte den Umschlag auf. Darin war die Karte. Mit w\u00e4ssriger blauer Tinte geschrieben. Alles, was sie wirklich aufnahm waren die Worte \u201eGrablage unbekannt\u201c und \u201e\u2026die Offizierskiste\u2026 verloren\u201c. Waren es nun wirklich nur diese zwei Briefe von ihr, die nicht zugestellt werden konnten und Ernennungsurkunde, die ihr von ihrem geliebten Fritz geblieben waren? Ihre Augen, die eigentlich immer freundlich und warm schienen, wurden auf einen Schlag von der Trauer leergesaugt. So, als w\u00e4re auf einmal alle Liebe aus ihr gewichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie nahm den zweiten Schrieb aus dem Umschlag. Es war eine Bef\u00f6rderungsurkunde. \u201e Hiermit bef\u00f6rdere ich \u2026 wegen seine gro\u00dfen Verdienste ums Vaterland, den Oberleutnant Friedrich Schweitzer posthum zum Hauptmann\u201c, las sie halblaut vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Ida wischte sich den Kochl\u00f6ffel in der Sch\u00fcrze ab und murmelte \u201eNaja, gut. Gibt deutlich mehr Witwenrente. Haste mehr als ich dann.\u201c Emmi knuffte ihr den Ellenbogen gegen das Knie. Grete nahm einen gro\u00dfen Schluck Kaffee, schaute von unten zu Ida hoch und murmelte nur \u201eStimmt auch wieder. Hat einer noch `ne Zigarette und n Schnaps?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Im fahlen Licht des Esszimmers sa\u00df die Familie abends zusammen und a\u00df. Die Sonne war noch nicht untergegangen, aber weil die Stube in Hanglage war, tauchte das einfallende Licht alles in ein fahles grau. Es war kein Ton zu h\u00f6ren, die Kinder a\u00dfen leise.<\/p>\n\n\n\n<p>Grete f\u00fctterte Hartmut. Die Bewegungen ihrer H\u00e4nde und Arme erinnerte dabei etwas an die Ausleger eines Baggers, aber nicht an die Arme einer Mutter, die ihr Kind liebevoll f\u00fcttert, ihre Arme funktionierten einfach. Grete wusste auch nicht sicher, ob sie wirklich Hunger versp\u00fcrte und etwas von dem Essen nehmen konnte ohne sich anschlie\u00dfend zu \u00fcbergeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die drei Frauen hatten vorher besprochen, dass sie den Kindern vorerst nichts sagen wollten. Trotzdem sp\u00fcrte man die Stimmung. Fragende Blicke liefen ins Leere, und selbst die typischen Schmatzger\u00e4usche von Trutzhart blieben ohne Ermahnung. Jetzt musste Grete dringend das Telegramm nach Holland schicken. Das war ihr einziger Gedanke in diesem Moment. Die Schwiegereltern w\u00fcrden bestimmt fr\u00fcher kommen, und ihr Schwiegervater w\u00fcrde eine L\u00f6sung f\u00fcr sie und die Kinder finden. Grete f\u00fchlte sich elendig, die wollte nur noch weg. Weg von hier, weg von den Kindern, weg aus diesem Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Sechstes Kapitel<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ankunft und Abfahrt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vier Tage waren vergangen, seit Grete die schlechte Nachricht von Fritz erhalten hatte. Es f\u00fchlte sich an, als w\u00e4ren alle Lebensgeister aus ihr gewichen. Sie sa\u00df oft nur teilnahmslos da und versuchte nicht permanent in Tr\u00e4nen auszubrechen. \u201eDie Kinder d\u00fcrfen nicht merken wie schlecht es uns geht\u201c, sagte Grete zu Emmi. Doch es fiel ihr von Stunde zu Stunde schwerer die Wahrheit zu verbergen. Grete sa\u00df in der Mittagssonne vor dem Stall, als Emmi ihr berichtete, dass die Omma und Oppa aus Holland kommen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGuck Liebes, der Postmann hat eben das Telegramm gebracht\u201c, begann Emmi das Gespr\u00e4ch. \u201eSchwiegereltern kommen morgen, wir sollen uns von Otte das Pferdegespann borgen\u201c, informierte Emmi die m\u00fcde Grete. Ein mattes Brummen war ihre Antwort. \u201eDiern, riet di mal tosamen\u201c, motzte Emmi auf tiefstem Sauerl\u00e4nder Platt. Grete hob den Kopf und nickte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach ganz kurzer Zeit kam Ida mit einer Kanne Kaffee aus dem Fachwerkhaus geschritten und sie hatte auch eine Packung Zigaretten im Gep\u00e4ck. Ja, ein \u201eSchm\u00f6k\u201c und etwas Koffein half den Frauen beim Denken. \u201eWenn die Schwiegereltern morgen kommen, dann muss ja wer zu Otte um zu fragen ob wir das Gespann haben d\u00fcrfen.\u201c, warf Grete als erstes ein. Ida nahm einen tiefen Zug von ihrer Zigarette, nahm gurgelnd einen Schluck warmen Kaffee und meinte: \u201eKunn dien Diern dat ni maaken?\u201c Margret spielte unten am Bach mit Gisela, wahrscheinlich bauten die beiden wieder eine Staumauer um dann in dem \u201eSee\u201c eine Forelle zu greifen. Grete bl\u00f6kte \u00fcber die Hofstelle, so dass sie unvermittelt husten musste. Margret lie\u00df auf sich warten, aber sie schlich dann doch die steile Hofeinfahrt zwischen dem alten Lager und der Gie\u00dferei rauf. Grete steckte sich eine Zigarette an und begann Margret zu instruieren. \u00c4u\u00dferst widerwillig zuckelte die Kleine die Gr\u00fcner Talstra\u00dfe hinauf. Otte war der n\u00e4chste Nachbar nach oben hin. Kriegsversehrt konnte er mehr schlecht als recht seinen kleinen Hof bewirtschaften, aber gerade in diesen Zeiten wo alle wenig hatten da half man sich mit dem was man hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frauen baldowerten sich nun aus, wer denn morgen zum Bahnhof nach Letmathe fahren sollte und wer dann das Essen vorbereiten musste, und \u2013 doppelt wichtig \u2013 was es zu essen geben sollte. Buchweizengr\u00fctze war ja wohl nicht das richtige Festessen um den Hausherren zu empfangen. Also war klar, es sollte Fleisch geben. Schweinebacke und Fr\u00fchkohl waren die Frauen sich einig. Kartoffeln waren ja noch ausreichend von Gretes Ausflug da und das Fleisch war auf nicht aufgegessen.<\/p>\n\n\n\n<p>So eine frische Tasse Kaffee und eine Zigarette dazu bewirken wahre Wunder, wenn man Ideen und Kreativit\u00e4t braucht, wenn der ganze Kopf v\u00f6llig vernebelt ist. Emmi wusste schon genau, dass es jetzt Zeit war den Plan mit einem Gl\u00e4schen Weinbrand zu besiegeln. So schlurfte Emmi dann in ihren Holzpantinen in Richtung des alten K\u00fcchenbuffets, das einmal zur Aussteuer von Omma vom Gro\u00dfendreh-scheid gekommen war, und zog unten die leicht staubige Flasche Weinbrand hervor. Kurz und knapp wurden die Rollen verteilt. Emmi wusch wei\u00df morgen fr\u00fch, Grete sollte mit Margret nach Letmathe und Ida passt auf die Kinder auf und bereitet das Essen zu. Die Flei\u00dfarbeiten wie Kohl- und Kartoffeln schneiden machen die Frauen nach dem Fr\u00fchst\u00fcck gemeinsam. Grete sollte auch etwas Geld mitnehmen und versuchen in der Untergr\u00fcne beim Kr\u00e4mersmann etwas Tabak f\u00fcr Oppa und ein paar Zigaretten zu bekommen. An der M\u00fchle konnte sie gleich noch einen Sack Mehl mitbringen. \u201eAber sag denen, dass du nicht so viel bezahlst wie letztes Mal, denn es waren viele Steinchen im letzten Sack.\u201c, motzte Emmi unter dem Verweis, dass man ja sich an dem Brot nicht die Z\u00e4hne ausbei\u00dfen will.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Zwischenzeit war Margret auf die Hofstelle geschlichen und st\u00fcrzte in Richtung Wall, wo das ganze Jahr \u00fcber ein frischer Strahl Wasser aus dem Berg kam. Als Margret von oben um den Schweinestall bog wischte sie sich die Schnute vom Trinken mit der wei\u00dfen Sch\u00fcrze ab, was bei ihrer Mutter sofort die Stirn in Falten legte. \u201eDu kannst morgen auch mit Emmi zur Bleiche runter, dann fahre ich alleine zum Bahnhof.\u201c, maulte Grete ihre \u00c4lteste an. \u201eDiern, verklaar, wat hett Otte seggt?\u201c unterbrach Emmi neugierig. Margret erkl\u00e4rte, dass Otte morgen zum Fr\u00fchst\u00fcck mit dem Gespann um 8 Uhr da w\u00e4re. Eine Wurst und ein Bier w\u00fcrden ausreichen um den Handel zu besiegeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Es hatte Fr\u00fchtau gegeben diesen Morgen. Tr\u00e4ge hingen die Wolkenschwaden in dem engen Tal und die Sonne war schwer bem\u00fcht diese K\u00fchle zu vertreiben. Die Frauen sa\u00dfen an ihrem Graubrot und Kaffee beim Fr\u00fchst\u00fcck, w\u00e4hrend die Jugend noch etwas l\u00e4nger schlafen konnte. Otte kam p\u00fcnktlich und die Reise in Richtung Bahnhof konnte dann auch zeitig losgehen nachdem die Vorbereitungen f\u00fcr die K\u00fcche abgeschlossen waren. Die Zugfahrt aus Holland nach Iserlohn war nichts, was in wenigen Stunden erledigt war. So eine Reise war eine Strapaze. Vierte, oder dritte Klasse, wenn man bequem reisen wollte. Von zweiter Klasse reisen oder gar einer Reise in der ersten Klasse konnte man nur tr\u00e4umen. Grete wartete mit Margret gegen Mittag also am Bahnhof. Bis zur Schule unten im Tal hatte sie Emmi mitgenommen. Da unten war am Gr\u00fcnerbach ja die breite Wiese, die gemeinhin von allen als Bleiche benutzt wurde. Ja, die Sonne bleichte die W\u00e4sche. Nass, in klarem Wasser ausgewaschen lag die W\u00e4sche dort einen Tag. Entweder, man bewachte die W\u00e4sche, oder man lie\u00df die W\u00e4sche in Treu und Glauben, dass niemand eines der guten St\u00fccke gebrauchen konnte allein. Emmi wollte erst warten, aber als die Frau von Otte auftauchte wusste sie wohl, dass sie ihre W\u00e4sche heute gut bewacht wusste. Die Frauen handelten aus, dass Emmi sie des Abends mit dem Gespann abholt, ehe das Pferd zum Ausspannen wieder die Gr\u00fcne hochgebracht wird. Also konnte Emmi schon zeitig wieder den langen Fu\u00dfweg in Richtung zu Hause antreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Grete und Margret sa\u00dfen auf dem Bock und hatten dem Pferd einen Beutel Hafer umgeh\u00e4ngt. Also taten sie es dem Pferd gleich und a\u00dfen einen Kanten Brot. Grete a\u00df sowieso immer am Liebsten den Kanten, weil da am meisten Kruste dran war, die diesen typischen malzigen Geschmack hatte. Ja, wenn man lange Zeit Brot ohne Belag isst, dann wei\u00df man kleine Freuden zu sch\u00e4tzen, dachte sie bei sich. So warteten die Beiden auf den Zug. Nat\u00fcrlich kam der Zug dann, wenn der Zug kam. \u201eHeute\u201c war schon eine relativ genaue Beschreibung. \u201eGegen Mittag\u201c war eine ziemlich exakte Beschreibung des Fahrplans. Ja, von P\u00fcnktlichkeit musste man nicht reden, man war froh, wenn \u00fcberhaupt ein Zug fuhr. Die Strecke von Dortmund rauf ins Sauerland machte den alten Dampflokomotiven schon schwer zu schaffen, und auf so einer Nebenstrecke setzte die Reichsbahn nat\u00fcrlich nicht ihre PS starken Neuentwicklungen ein, sondern es fuhren eher Loks, die schon zu Kaisers Zeiten Truppentransporter zogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als dann endlich das tiefe Schnaufen hinter der Kurve zu h\u00f6ren war mischte sich zunehmend Angst und Freude in Gretes Kopf. Margret war freilich erfreut, dass sie Omma und Oppa wieder sehen w\u00fcrde aber Grete wusste, dass sie den beiden noch erkl\u00e4ren musste, dass deren einziger Sohn im Felde geblieben war, wie es damals hie\u00df.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Die verlorenen Kinder des Krieges&#8221;, das ist der Titel des Buches welches ich hier immer dann schreiben werde, online quasi, wenn ich Zeit habe. Um was geht es? Der tiefere Sinn ist f\u00fcr mich Trauerbew\u00e4ltigung. Die Frage warum war meine Mutter so, wie sie war? 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