Dirk Diedrich

Landesvorstand SPD Schleswig-Holstein

Ein Buch über den Krieg

Die ver­lore­nen Kinder des Krieges”, das ist der Titel des Buch­es welch­es ich hier immer dann schreiben werde, online qua­si, wenn ich Zeit habe. Um was geht es? Der tief­ere Sinn ist für mich Trauer­be­wäl­ti­gung. Die Frage warum war meine Mut­ter so, wie sie war? Ein Opfer der “Kinder­land­ver­schick­ung”. Sozial­isiert zwis­chen Ziegen und Stroh im schwäbis­chen Bodenseer­aum. Warum ich das mache? Ich hab es mein­er Mut­ter am Ster­be­bett ver­sprochen.

Sie sagte: “Schreib’ meine Geschichte auf!”, und daran halte ich mich. Hier auf mein­er Home­page ist es ein wenig ein­fach­er. Klar, ich kön­nte mir auch ein Jahr Urlaub nehmen und mich mit ein paar Kisten Bour­bon in die kanadis­che Wild­nis ver­drück­en. Dafür hab ich keine Zeit und kein Geld. Dieses Sys­tem ist immer und über­all greif­bar, darum so! Ach, und warum lasse ich euch mitle­sen? Gegen­frage: Warum nicht? Also fang ich mal an.

Ach, in eigen­er Sache. Ich schreibe ein­fach so von der Hand weg. Inklu­sive Tipp- und Schreibfehler. Berich­ti­gungsvorschläge gern an mich senden. 🙂 Auch was einige Angaben ange­ht, muss ich noch in meinen Unter­la­gen rum­suchen. Namen, die von mir genan­nt wer­den, sind rein zufäl­lig aus­gewählt. Nur die Per­so­n­en, die im Zen­trum dieser teils fik­tiv­en Geschichte ste­hen, sind mit ihrem Klar­na­men benan­nt.

 

Vorwort

In diesem Moment, in dem sie dieses Buch in die Hand nehmen, nimmt irgend­wo auf der Welt ein Kämpfer seine Waffe in die Hand um andere Men­schen zu töten. Er wird sich von Frau und Kind ver­ab­schieden, ohne zu wis­sen ob er seine Fam­i­lie wieder sehen wird. Qua­si so, wie andere Väter ihre Brot­dose nehmen oder ihre Akten­tasche, so nimmt er Helm und Waffe, ehe er das Heim ver­lässt. Er nimmt die Ver­ant­wor­tung des Kämpfens an, aber lässt seine Fam­i­lie alleine zurück.

Die Welt ist voll mit Kindern, die ihre Väter im Kampf ver­loren haben. Diese Kinder haben nie auf Knien gesessen und ihrem Vater den Bart gekrault. Nie haben sie Papier­schiffe mit ihrem Vater gebastelt oder einen Drachen steigen lassen. Diese Kinder haben ihr erstes Fahrrad selb­st geputzt und die Schach­par­tie, die zeigen sollte wer der wirk­liche Denker und Chef im Haus ist, wird immer unge­spielt bleiben. Ich denke, dass viele Kinder, die Opfer der Kriege wur­den, sich früher oder später eine dieser Fra­gen stellen oder vor solchen Sit­u­a­tio­nen ste­hen. Es liegt in der Natur der Dinge. Der Men­sch entste­ht aus zwei Men­schen und will die Frage “Wer bin ich?” von bei­den Eltern­teilen beant­wortet wis­sen. Beson­ders bizarr war in zurzeit der Mitte des 20. Jahrhun­derts die Frage danach zu klären, warum der eigene Vater gestern noch ein Held und am näch­sten Tag ein Ver­brech­er war.

Erstes Kapitel

Neues von Feld­post­num­mer 49523A

Die stick­ige Luft im Gefechts­stand der Bat­terie erschw­erte das Atmen. Der Staub aus dem kar­gen Boden, den das bolschewis­tis­che Geschützfeuer aufwühlte, fraß sich in die Lun­gen. Unter ein­er Decke gekauert fum­melte Fritz mit seinem Offiziersmess­er und einem Bleis­tift­s­tumpf herum, um diesen Rest noch ein wenig spitz zu for­men, damit er endlich die Karte an Grete weit­er schreiben kon­nte, die er vor dem Ver­legen der 8.8 vor zwei Tagen ange­fan­gen zu schreiben hat­te.

Seine Gedanken kreis­ten um zuhause. Wenn er die Augen schloss, dann wusste er sofort wie es zwis­chen Heimels­berg und Rheinis­chem Esel auf den Feldern und im Wald um Lan­gen­dreer roch. Reine Ein­bil­dung, denn außer Waf­fenöl und Schwarzpul­ver hat­te er seit Monat­en nichts anderes mehr gerochen. Nicht mal das Brot, das es täglich gab, roch nach irgen­det­was anderem außer Öl. Wieder drifteten Fritz’ Gedanken zu Grete. Seit sein­er Ver­wun­dung vor ein paar Monat­en hat­te er sie und die Kinder nicht mehr gese­hen. Während er gedanken­ver­loren den Stift in den Fin­gern drehte, um sich den knap­pen Platz auf der Karte in Gedanken zurecht zu leg­en, schweifte er nach Hause. Raus aus dem Dreck hier, auch raus aus ihrer Woh­nung in Bochum, hin zu seinen Eltern, seinen Geschwis­tern, heim in das beschauliche Grün­er Tal bei Iser­lohn, wo die alte Wasser­müh­le uner­müdlich lief und die beruhi­gende Geräuschkulisse lieferte, die ihm jet­zt fehlte, um seine Gedanken zu sortieren.

Ein Mann wie ein Bär, groß gewach­sen und doch so zer­brech­lich.

Magret, seine älteste Tochter, war schon seit Wochen bei seinen Eltern in “der Grüne”, wie sie in der Fam­i­lie immer sagten. “Zum Glück, die Kleine ist sich­er”, dachte er bei sich. Aber wann würde er endlich Nachricht erhal­ten, dass auch Giselchen einen sicheren Platz außer­halb des Ruhrge­bi­ets hat? Die örtliche Ver­wal­tung lief mit­tler­weile nur noch auf Sparflamme. Es schien als wenn immer mehr Män­ner an die Front kamen und die Amtsstuben ver­lassen mussten. Vor­wärts sollte es gehen, jeden Tag vor­wärts. Doch mit jedem Tag, an dem seine Divi­son weit­er vor­rück­en musste, rück­ten seine Gedanken weit­er nach Hause. Die Kinder waren alles an was er denken kon­nte und mochte. “Bald wer­den die Kinder aus Bochum geholt”, berichtete ihm seine geliebte Grete in ihrem let­zten Schreiben. Zum Glück hat­te er Magret schon rechtzeit­ig in der Grüne unterge­bracht, aber Grete kon­nte unmöglich mit allen drei Kindern zu Hause bleiben. “Die Jungs brauchen ihre Mut­ter”, hat­te er Grete einge­bläut. Die waren sein ganz­er Stolz. Gute ‘deutsche Jungs’ soll­ten Trutzhard und Hart­mut wer­den. Aber erst musste dieser ver­dammte Krieg gewon­nen wer­den.

Dieser ver­dammte Krieg. Es sollte alles so schnell gehen. Rus­s­land war leicht zu über­ren­nen hat­ten die Gen­eräle damals gesagt. “Wenn die Vertei­di­gungslin­ien erst ein­mal durch­brochen sind, dann schwindet die Lust der Bolschewiken sich auf einen Kampf einzu­lassen.” Alles Gerede, dachte er nun. Es beschlichen ihn Zweifel, ob das alles so richtig war was er hier tat. Dabei waren in der Fam­i­lie doch alle ges­tandene Nation­al­sozial­is­ten. Die Macht des Volkes faszinierte ihn schon früh. Endlich waren sie keine “Hin­ter­wäldler” aus dem Tal, son­dern sie waren im Ort ange­se­hen. Men­schen grüßten fre­undlich oder standen stramm. Dabei war die Fam­i­lie vor weni­gen Jahren noch eine, die den Wan­del der 1920er Jahre nicht richtig über­lebte. Die Fir­ma, ein Opfer der Bankenkrise, das land reichte nicht zum Brotwer­werb, son­dern nur zur Selb­stver­sorgung. Doch seit die NSDAP an der Macht war, war es nicht mehr wichtig wie viel Geld und Ein­fluss man hat­te, denn es kam auf gute deutsche Tugen­den an. Ehrlichkeit, Treue und Vater­land­sliebe.

Aber­mals legte er sich gedanklich die Worte zurecht als er von draußen ein leis­es Grollen am Him­mel ver­nahm. Hastig knüllte er die leere Karte in die Brust­tasche und steck­te schle­u­nigst den Bleis­tift dazu, der im aber­mals in der Hek­tik abbrach. Seine belegte Stimme schrie laut, während er die Zelt­plane aufriss. “Alles abdeck­en! Mel­dung! Was ist das für ein Flugzeug?” Im Baum hat­te sich sein Adju­tant geis­tes­ge­gen­wär­tig ein Bild gemacht. Den Feld­stech­er am Auge spähte er in Rich­tung Front, doch von dort kon­nte der Lärm nicht kom­men. Wenige Momente später rollte, aus West­en kom­mend, eine Rotte Stu­ka über sie hin­weg. Im Tief­flug mit schw­eren Bor­d­kanonen unter den Tragflächen. Fritz erin­nerte sich an die ersten Monate des Krieges als er zum let­zten mal Stu­ka zur Unter­stützung gese­hen hat­te. Die flo­gen hoch oben, um die feindlichen Lin­ien aufzubrechen mit ihren punk­t­ge­nauen Bomben. Danach war die Ari am Zuge und schoss die Gegend mürbe. “Warum jet­zt Kanonen unter den Tragflächen?” schoss es ihm durch den Kopf. Und die Erken­nt­nis um den Sachver­halt kon­nte man ihm im Gesicht able­sen. Stukas gegen die rus­sis­che Artillerie einzuset­zen wäre in der Tat grober Schwachsinn, zumal die Stukas in dieser Höhe eine leichte Beute für das Sper­rfeuer der Russen wären. Diese Kriegsvet­er­a­nen waren im Hor­i­zon­talflug so langsam, dass man ihnen bequem im Vor­bei­flug das ganze Flugzeug umlack­ieren kon­nte. Es gab nur eine einzige Möglichkeit die blieb — Panz­er! Die Russen müssen mit Panz­ern auf die Front­line drück­en. Reflexar­tig schick­te er Krome mit seinem Krad zum Leit­stand des Stabs. Er war wahrschein­lich der irrsin­nig­ste Krad­melder, den die 36. “Rheinisch-West­fälis­che” Infan­teriedi­vi­sion gese­hen hat­te. Es war anzunehmen, dass das vom Train­ing in den engen Tälern des Sauer­lan­des kam. Nun hieß es warten.

Zwei Mann bilde­ten einen vorge­zo­ge­nen Posten an ein­er kleinen Anhöhe, um das Gelände zu überwachen. Entset­zlich war diese Ungewis­sheit. Seit Monat­en war das Funkgerät aus­ge­fall­en und kein vernün­ftiger Kon­takt mehr möglich. Nur schlep­pend lief der Nach­schub seit eini­gen Wochen nach dem lan­gen und stren­gen Win­ter wieder an. Hier, fernab aller Zivil­i­sa­tion war nichts außer weite Steppe. Hin und wieder mal ein Baum, der den Geschützen ein wenig Schutz vor den rus­sis­chen Aufk­lär­ern bot. Die Sonne bran­nte uner­bit­ter­lich auf den Boden in diesem frem­den Land. “Was mach ich hier?” war eine Frage, die sich Fritz schon oft gestellt hat­te. Let­ztlich kan­nte er die Antwort. Nach der großen Krise war die Fir­ma zuhause so gut wie Pleite; nicht in der Lage die große Fam­i­lie zu ernähren. Die Maschiner­ie der neuen Machthaber bot ihm Arbeit und gab ihm die Möglichkeit die Fam­i­lie zu ernähren. Von den Schwiegerel­tern war nichts zu erwarten. Die große Schlachterei in Wup­per­tal Elber­feld war auch in der großen Krise Ende der 1920er Jahre buch­stäblich über die ‘Wup­per’ gegan­gen, Grete war Waise seit­dem. Was hat­te Fritz außer seinem Leben und sein­er Ehre, die er irgendwem geben kon­nte. Also tat Fritz das Einzige was ihm noch blieb, er diente treu. Dabei ist es nicht hil­fre­ich, wenn man von Heimweh und Zweifeln zer­fressen ist. Also tat Fritz das, was er in den let­zten Jahren gel­ernt hat­te, er blendete alle Zweifel und Gefüh­le aus und funk­tion­ierte in diesem staubi­gen und schmutzi­gen Krieg, den er nicht wollte.

Er klopfte sich den Staub aus der Mütze, als er in der ersten Däm­merung das Zelt betrat. Sein Gesicht wirk­te müde und mit einem nicht über­hör­baren Geräusch fiel er rück­lings auf sein Lager. In Sekun­den war er eingeschlafen. Seine Träume wühlten und schüt­tel­ten ihn. Die Angst vor der Zukun­ft war am Tage erfol­gre­ich ver­drängt, aber nachts, wenn alles still war, dann schlichen die Dämo­nen der toten Men­schen der let­zten Jahre um sein Bett und fes­sel­ten alle neg­a­tive Energie in ihm, sodass er wieder ein­mal schweiß­nass erwachte. Er fum­melte aufgeregt nach der Feld­flasche und nahm einen tiefen Schluck kalten Tee, der beruhi­gend langsam seine Kehle hin­unter rann. “Grete”, dachte er bei sich, “ach, ver­dammt die Karte”. Dann nestelte er im Hin­set­zen aus der einen Tasche ein Feuerzeug für die Petro­le­um­lampe her­vor, während die andere Hand nach dem Bleis­tift fis­chte. Die zit­tri­gen Fin­ger schoben den Bleis­tift zwis­chen seine Lip­pen, damit er eine Hand frei hat­te um die ver­chromte Kappe seines Ben­z­in­feuerzeugs zu ent­fer­nen. Wieder waren seine Gedanken daheim. Zu Magret, die ihm vor zwei Jahren das Feuerzeug zu Wei­h­nacht­en voller Stolz unter dem spär­lichen Tan­nen­baum in der Ober­straße in Lan­gen­dreer her­auskramte. Er sah noch genau ihre leuch­t­en­den Augen. Ob er jemals von Gisela ein Geschenk erhal­ten würde, schoss es ihm durch den Kopf. Was, wenn die Jungs erst vier und fünf sind? Wer­den sie dann auch an Wei­h­nacht­en vor ihm ste­hen und mit leuch­t­en­den Augen ein Geschenk für ihren Vater haben? Noch lag Hart­mut qua­si im Kinds­bett, er war der Jüng­ste. Seit sein­er frei­willi­gen Ver­legung an die Ost­front war Fritz nicht mehr in der Heimat gewe­sen. Den­noch dachte er per­ma­nent an seine Kinder.  Eine Fam­i­lie wollte er, doch hat­te er nichts davon. Gisela war noch zu klein Wei­h­nacht­en 1938. Ein Jahr später war er schon im Feld in Frankre­ich. Gedanken über Gedanken peitscht­en durch seinen Kopf, während die alte Petro­le­um­lampe das Zelt langsam in ein fahles Licht tauchte. Er nahm sein Schreibuten­sil zwis­chen den Lip­pen her­vor und star­rte dieses Stück Holz an, als wäre vor seinen Augen die heilige Jungfrau Maria von einem rus­sis­chen T-34 Panz­er über­fahren wor­den. “Ver­dammt, abge­brochen”, fluchte Fritz.

 

Zweites Kapitel

Bohnensuppe und Fahrkarten

Der Krieg kam mit den alli­ierten Bombern nun auch nach Deutsch­land. Tief ins Land stießen vere­inzel­nd die Bomberver­bände vor. Eine Sache, die Grete nie erwartet hätte. Fritz sagte immer, dass der Englän­der nie Bomben auf Deutsch­land wer­fen würde, nach­dem Frankre­ich niedergerun­gen war. Doch immer häu­figer flo­gen englis­che Aufk­lär­er am Tage hoch über die Stadt, und nachts heul­ten die Sire­nen. Erst waren es nur spezielle Ziele, wie zum Beispiel die Talsper­ren oder die Indus­triean­la­gen des Ruhrge­bi­etes. Doch immer öfter musste Grete nachts die Jungs und Gisela zusam­men ein­pack­en und gemein­sam Schutz suchen. Zum neuen Hochbunker an den Lan­gen­stuken brauchte sie sich gar nicht aufzu­machen, denn der lag dicht bei den Bahn­schienen viel zu weit ent­fer­nt. Bei Fliegeralarm war also nur der näch­ste Keller der Beste.