Dirk Diedrich

Sozialdemokrat

Ein Buch über den Krieg

Die ver­lore­nen Kinder des Krieges”, das ist der Titel des Buch­es welch­es ich hier immer dann schreiben werde, online qua­si, wenn ich Zeit habe. Um was geht es? Der tief­ere Sinn ist für mich Trauer­be­wäl­ti­gung. Die Frage warum war meine Mut­ter so, wie sie war? Ein Opfer der “Kinder­land­ver­schick­ung”. Sozial­isiert zwis­chen Ziegen und Stroh im schwäbis­chen Bodenseer­aum. Warum ich das mache? Ich hab es mein­er Mut­ter am Ster­be­bett ver­sprochen.

Sie sagte: “Schreib’ meine Geschichte auf!”, und daran halte ich mich. Hier auf mein­er Home­page ist es ein wenig ein­fach­er. Klar, ich kön­nte mir auch ein Jahr Urlaub nehmen und mich mit ein paar Kisten Bour­bon in die kanadis­che Wild­nis ver­drück­en. Dafür hab ich keine Zeit und kein Geld. Dieses Sys­tem ist immer und über­all greif­bar, darum so! Ach, und warum lasse ich euch mitle­sen? Gegen­frage: Warum nicht? Also fang ich mal an.

Ach, in eigen­er Sache. Ich schreibe ein­fach so von der Hand weg. Inklu­sive Tipp- und Schreibfehler. Berich­ti­gungsvorschläge gern an mich senden. 🙂 Auch was einige Angaben ange­ht, muss ich noch in meinen Unter­la­gen rum­suchen. Namen, die von mir genan­nt wer­den, sind rein zufäl­lig aus­gewählt. Nur die Per­so­n­en, die im Zen­trum dieser teils fik­tiv­en Geschichte ste­hen, sind mit ihrem Klar­na­men benan­nt.

 

Vorwort

In diesem Moment, in dem sie dieses Buch in die Hand nehmen, nimmt irgend­wo auf der Welt ein Kämpfer seine Waffe in die Hand um andere Men­schen zu töten. Er wird sich von Frau und Kind ver­ab­schieden, ohne zu wis­sen ob er seine Fam­i­lie wieder sehen wird. Qua­si so, wie andere Väter ihre Brot­dose nehmen oder ihre Akten­tasche, so nimmt er Helm und Waffe, ehe er das Heim ver­lässt. Er nimmt die Ver­ant­wor­tung des Kämpfens an, aber lässt seine Fam­i­lie alleine zurück.

Die Welt ist voll mit Kindern, die ihre Väter im Kampf ver­loren haben. Diese Kinder haben nie auf Knien gesessen und ihrem Vater den Bart gekrault. Nie haben sie Papier­schiffe mit ihrem Vater gebastelt oder einen Drachen steigen lassen. Diese Kinder haben ihr erstes Fahrrad selb­st geputzt und die Schach­par­tie, die zeigen sollte wer der wirk­liche Denker und Chef im Haus ist, wird immer unge­spielt bleiben. Ich denke, dass viele Kinder, die Opfer der Kriege wur­den, sich früher oder später eine dieser Fra­gen stellen oder vor solchen Sit­u­a­tio­nen ste­hen. Es liegt in der Natur der Dinge. Der Men­sch entste­ht aus zwei Men­schen und will die Frage “Wer bin ich?” von bei­den Eltern­teilen beant­wortet wis­sen. Beson­ders bizarr war in zurzeit der Mitte des 20. Jahrhun­derts die Frage danach zu klären, warum der eigene Vater gestern noch ein Held und am näch­sten Tag ein Ver­brech­er war.

Erstes Kapitel

Neues von Feld­post­num­mer 49523A

Irgend­wo in Rus­s­land, die stick­ige Luft im Gefechts­stand der Flak­stel­lung erschw­erte das Atmen. Der Staub aus dem kar­gen Boden, den das bolschewis­tis­che Geschützfeuer aufwühlte, fraß sich in die Lun­gen. Unter ein­er Decke gekauert fum­melte Fritz mit seinem Offiziersmess­er und einem Bleis­tift­s­tumpf herum, um diesen Rest noch ein wenig spitz zu for­men, damit er endlich die Karte an Grete weit­er schreiben kon­nte, die er vor dem let­zten Ver­legen der 8.8 Bat­terie vor zwei Tagen ange­fan­gen zu schreiben hat­te. Die 8.8 war eigentlich ein Mythos in der Wehrma­cht. Kein anderes Flakgeschütz war so durch­schlagkräftig wie dieses. In den 1920ern von Krupp unter den Zwän­gen des Ver­sailler Ver­trages entwick­elt, war sie das Opti­mum an Beweglichkeit, Reich­weite und Ziel­ge­nauigkeit. Keine Armee der Welt hat­te etwas Ver­gle­ich­bares zu bieten. Die Deutschen Trup­pen nutzten sie in Rus­s­land aber vorzugsweise als Panz­erk­nack­er. So wurde aus der Flu­gab­wehrkanone (Flak) eine Panz­er­ab­wehrkanone (Pak). Fritz war jeden­falls so begeis­tert von der 8.8, dass er von der berit­te­nen Ein­heit zur Infan­terie wech­selte nach dem Aus­bruch den Krieges.

Seine Gedanken kreis­ten um zuhause. Wenn er die Augen schloss, dann wusste er sofort wie es zwis­chen Heimels­berg und Rheinis­chem Esel auf den Feldern und im Wald um Lan­gen­dreer roch. Die For­syth­ien duften im Früh­ling immer so her­rlich. Oder der Pfin­gstaus­flug mit Grete, sein­er jet­zi­gen Frau, wenn die Bauern das erste Heu machen und die Wiesen frisch gemäht sind. Reine Ein­bil­dung, denn außer Waf­fenöl und Schwarzpul­ver hat­te er seit Monat­en nichts anderes mehr gerochen. Nicht mal das Brot, das es täglich gab, roch nach irgen­det­was anderem außer Öl.

Wieder drifteten Fritz’ Gedanken zu Grete. Seit sein­er Ver­wun­dung vor ein paar Monat­en hat­te er sie und die Kinder nicht mehr gese­hen. Während er gedanken­ver­loren den Stift in den Fin­gern drehte, um sich den knap­pen Platz auf der Karte in Gedanken zurecht zu leg­en, schweifte er nach Hause. Raus aus dem Dreck hier, auch raus aus ihrer Woh­nung in Bochum, hin zu seinen Eltern, sein­er Schwest­er, heim in das beschauliche Grün­er Tal bei Iser­lohn, wo die alte Wasser­müh­le uner­müdlich lief und die beruhi­gende Geräuschkulisse lieferte, die ihm jet­zt fehlte, um seine Gedanken zu sortieren. Die “Grüne”, wie sie alle in der Fam­i­lie sein Eltern­haus nan­nten ist ein altes Fach­w­erkhaus, welch­es ver­mut­lich schon seit vie­len hun­dert Jahren in dem langge­zo­ge­nen Tal zwis­chen Iser­lohn und Ihmert irgend­wo im nichts ste­ht. Eine Wasser­müh­le die eine Trans­mis­sion antreibt, eine Schleifer­ei und eine Gießerei sind im Laufe der let­zten 50 Jahre gewach­sen. Im unteren Grün­er Tal wurde schon seit Urzeit­en Galmei abge­baut, warum also nicht im Grün­er Tal Mess­ing ver­ar­beit­en? Die Straße, die an seinem Eltern­haus vor­bei führte war ger­ade bre­it genug für ein Pfer­deges­pann. Hier kam nur ein­er vor­bei, wenn er wirk­lich etwas wollte. Das war zum Glück nicht oft. Es war trotz des geschäfti­gen Treibens der Gesellen der ruhig­ste und fried­voll­ste Ort in Fritzens Leben.

Ein Mann wie ein Bär, groß gewach­sen und doch so zer­brech­lich.

Mar­gret, seine älteste Tochter, sollte schon seit Wochen in seinem Eltern­haus in “der Grüne” sein. “Zum Glück wäre die Kleine dann sich­er”, dachte er bei sich. Aber wann würde er endlich Nachricht erhal­ten, dass es auch mit der Kinder­land­ver­schick­ung und mit Gretes Kur los­ge­ht? Schließlich hat­te er noch mehr Kinder um die er sich sorgte. Die örtliche Ver­wal­tung lief mit­tler­weile nur noch auf Sparflamme. Es schien als wenn immer mehr Män­ner an die Front kamen und die Amtsstuben ver­lassen mussten. Vor­wärts sollte es gehen, jeden Tag vor­wärts. Doch mit jedem Tag, an dem seine Divi­son weit­er vor­rück­en sollte, rück­ten seine Gedanken weit­er nach Hause. Vor­wärts ging es schon lange nicht mehr. Halb­wegs geord­net rück­wärts, so ließ sich die Sit­u­a­tion viel bess­er beschrieben. Noch vor einem Jahr lagen sie mit­ten in den Prip­jet-Sümpfen und ver­sucht­en Rich­tung Moskau vorzus­toßen. Die Kinder waren alles an was er denken kon­nte und mochte. “Bald wer­den die Kinder aus Bochum geholt”, berichtete ihm seine geliebte Grete in ihrem let­zten Schreiben. Zum Glück hat­te er Magret schon rechtzeit­ig in der Grüne unterge­bracht, aber Grete kon­nte unmöglich mit allen drei Kindern zu Hause bleiben. “Die Jungs brauchen ihre Mut­ter”, hat­te er Grete einge­bläut. Die waren sein ganz­er Stolz. Gute ‘deutsche Jungs’ soll­ten Trutzhard und Hart­mut wer­den. Aber erst musste dieser ver­dammte Krieg gewon­nen wer­den.

Dieser ver­dammte Krieg. Es sollte alles so schnell gehen. Rus­s­land war leicht zu über­ren­nen hat­ten die Gen­eräle damals gesagt. “Wenn die Vertei­di­gungslin­ien erst ein­mal durch­brochen sind, dann schwindet die Lust der Bolschewiken sich auf einen Kampf einzu­lassen.” Alles Gerede, dachte er nun. Es beschlichen ihn Zweifel, ob das alles so richtig war was er hier tat. Dabei waren in der Fam­i­lie doch alle ges­tandene Nation­al­sozial­is­ten. Die Macht des Volkes faszinierte ihn schon früh. Endlich waren sie keine “Hin­ter­wäldler” aus dem Tal, son­dern sie waren im Ort ange­se­hen. Men­schen grüßten fre­undlich oder standen stramm. Dabei war die Fam­i­lie vor weni­gen Jahren noch eine, die den Wan­del der 1920er Jahre nicht richtig über­lebte. Die Fir­ma, ein Opfer der Bankenkrise, das Land reichte nicht zum Brotwer­werb, son­dern nur zur Selb­stver­sorgung. Doch seit die NSDAP an der Macht war, war es nicht mehr wichtig wie viel Geld und Ein­fluss man hat­te, denn es kam auf gute deutsche Tugen­den an. Ehrlichkeit, Treue und Vater­land­sliebe.

Aber­mals legte er sich gedanklich die Worte zurecht als er von draußen ein leis­es Grollen am Him­mel ver­nahm. Hastig knüllte er die leere Karte in die Brust­tasche und steck­te schle­u­nigst den Bleis­tift dazu, der im aber­mals in der Hek­tik abbrach. Seine belegte Stimme schrie laut, während er die Zelt­plane aufriss. “Alles abdeck­en! Mel­dung! Was ist das für ein Flugzeug?” Im Baum hat­te sich sein Adju­tant geis­tes­ge­gen­wär­tig ein Bild gemacht. Den Feld­stech­er am Auge spähte er in Rich­tung Front, doch von dort kon­nte der Lärm nicht kom­men. Wenige Momente später rollte, aus West­en kom­mend, eine Rotte Stu­ka über sie hin­weg. Im Tief­flug mit schw­eren Bor­d­kanonen unter den Tragflächen. Fritz erin­nerte sich an die ersten Monate des Krieges als er zum let­zten mal Stu­ka zur Unter­stützung gese­hen hat­te. Die flo­gen hoch oben, um die feindlichen Lin­ien aufzubrechen mit ihren punk­t­ge­nauen Bomben. Danach war die dann die Artillerie am Zuge und schoss die Gegend mürbe. “Warum jet­zt Kanonen unter den Tragflächen?” schoss es ihm durch den Kopf. Und die Erken­nt­nis um den Sachver­halt kon­nte man ihm im Gesicht able­sen. Stukas gegen die rus­sis­che Artillerie einzuset­zen wäre in der Tat grober Schwachsinn, zumal die Stukas in dieser Höhe eine leichte Beute für das Sper­rfeuer der Russen wären. Diese Kriegsvet­er­a­nen waren im Hor­i­zon­talflug so langsam, dass man ihnen bequem im Vor­bei­flug das ganze Flugzeug umlack­ieren kon­nte. Es gab nur eine einzige Möglichkeit die blieb — Panz­er! Die Russen müssen mit Panz­ern auf die Front­line drück­en. Reflexar­tig schick­te er Krome mit seinem Krad zum Leit­stand des Stabs. Er war wahrschein­lich der irrsin­nig­ste Krad­melder, den die 36. “Rheinisch-West­fälis­che” Infan­teriedi­vi­sion gese­hen hat­te. Es war anzunehmen, dass das vom Train­ing in den engen Tälern des Sauer­lan­des kam. Nun hieß es warten.

Zwei Mann bilde­ten einen vorge­zo­ge­nen Posten an ein­er kleinen Anhöhe, um das Gelände zu überwachen. Entset­zlich war diese Ungewis­sheit. Seit Monat­en war das Funkgerät aus­ge­fall­en und kein vernün­ftiger Kon­takt mehr möglich. Nur schlep­pend lief der Nach­schub seit eini­gen Wochen nach dem lan­gen und stren­gen Win­ter wieder an. Hier, fernab aller Zivil­i­sa­tion war nichts außer weite Steppe. Hin und wieder mal ein Baum, der den Geschützen ein wenig Schutz vor den rus­sis­chen Aufk­lär­ern bot. Die Sonne bran­nte uner­bit­ter­lich auf den Boden in diesem frem­den Land. “Was mach ich hier?” war eine Frage, die sich Fritz schon oft gestellt hat­te. Let­ztlich kan­nte er die Antwort. Nach der großen Krise war die Fir­ma zuhause so gut wie Pleite; nicht in der Lage die große Fam­i­lie zu ernähren. Die Maschiner­ie der neuen Machthaber bot ihm Arbeit und gab ihm die Möglichkeit die Fam­i­lie zu ernähren. Von den Schwiegerel­tern war nichts zu erwarten. Die große Schlachterei in Wup­per­tal Elber­feld war auch in der großen Krise Ende der 1920er Jahre buch­stäblich über die ‘Wup­per’ gegan­gen. Gretes Eltern haben das irgend­wie nicht verkraftet, und sie war Waise seit­dem. Was hat­te Fritz noch außer seinem Leben und sein­er Ehre, die er irgendwem geben kon­nte. Also tat Fritz das Einzige was ihm noch blieb, er diente treu. Dabei ist es nicht hil­fre­ich, wenn man von Heimweh und Zweifeln zer­fressen ist. Also tat Fritz das, was er in den let­zten Jahren gel­ernt hat­te, er blendete alle Zweifel und Gefüh­le aus und funk­tion­ierte in diesem staubi­gen und schmutzi­gen Krieg, den er doch eigentlich nicht wollte.

Er klopfte sich den Staub aus der Mütze, als er in der ersten Däm­merung das Zelt betrat. Sein Gesicht wirk­te müde und mit einem nicht über­hör­baren Geräusch fiel er rück­lings auf sein Lager. In Sekun­den war er eingeschlafen. Seine Träume wühlten und schüt­tel­ten ihn. Die Angst vor der Zukun­ft war am Tage erfol­gre­ich ver­drängt, aber nachts, wenn alles still war, dann schlichen die Dämo­nen der toten Men­schen der let­zten Jahre um sein Bett und fes­sel­ten alle neg­a­tive Energie in ihm, sodass er wieder ein­mal schweiß­nass erwachte. Er fum­melte aufgeregt nach der Feld­flasche und nahm einen tiefen Schluck kalten Tee, der beruhi­gend langsam seine Kehle hin­unter rann. “Grete”, dachte er bei sich, “ach, ver­dammt die Karte”. Dann nestelte er im Hin­set­zen aus der einen Tasche ein Feuerzeug für die Petro­le­um­lampe her­vor, während die andere Hand nach dem Bleis­tift fis­chte. Die zit­tri­gen Fin­ger schoben den Bleis­tift zwis­chen seine Lip­pen, damit er eine Hand frei hat­te um die ver­chromte Kappe seines Ben­z­in­feuerzeugs zu ent­fer­nen. Wieder waren seine Gedanken daheim. Zu Mar­gret, die ihm vor zwei Jahren das Feuerzeug zu Wei­h­nacht­en voller Stolz unter dem spär­lichen Tan­nen­baum in der Ober­straße in Lan­gen­dreer her­auskramte. Er sah noch genau ihre leuch­t­en­den Augen. Ob er jemals von Gisela ein Geschenk erhal­ten würde, schoss es ihm durch den Kopf. Was, wenn die Jungs erst vier und fünf sind? Wer­den sie dann auch an Wei­h­nacht­en vor ihm ste­hen und mit leuch­t­en­den Augen ein Geschenk für ihren Vater haben? Noch lag Hart­mut qua­si im Kinds­bett, er war der Jüng­ste. Seit sein­er frei­willi­gen Ver­legung an die Ost­front war Fritz nicht mehr in der Heimat gewe­sen. Den­noch dachte er per­ma­nent an seine Kinder.  Eine Fam­i­lie wollte er, doch hat­te er nichts davon. Gisela war noch zu klein Wei­h­nacht­en 1938. Ein Jahr später war er schon im Feld in Frankre­ich. Gedanken über Gedanken peitscht­en durch seinen Kopf, während die alte Petro­le­um­lampe das Zelt langsam in ein fahles Licht tauchte. Er nahm sein Schreibuten­sil zwis­chen den Lip­pen her­vor und star­rte dieses Stück Holz an, als wäre vor seinen Augen die heilige Jungfrau Maria von einem rus­sis­chen T-34 Panz­er über­fahren wor­den. “Ver­dammt, abge­brochen”, fluchte Fritz.

 

Zweites Kapitel

Bohnensuppe und Fahrkarten

Der Krieg kam mit den alli­ierten Bombern nun auch nach Deutsch­land. Tief ins Land stießen vere­inzel­nd die Bomberver­bände vor. Eine Sache, die Grete nie erwartet hätte. Fritz sagte immer, dass der Englän­der nie Bomben auf Deutsch­land wer­fen würde, nach­dem Frankre­ich niedergerun­gen war. Doch immer häu­figer flo­gen englis­che Aufk­lär­er am Tage hoch über der Stadt, und nachts heul­ten die Sire­nen. Erst waren es nur spezielle Ziele, wie zum Beispiel die Talsper­ren oder die Indus­triean­la­gen des Ruhrge­bi­etes. Doch immer öfter musste Grete nachts die Jungs und Gisela zusam­men ein­pack­en und gemein­sam Schutz zu suchen. Zum neuen Hochbunker an den Lan­gen­stuken brauchte sie sich gar nicht aufzu­machen, denn der lag dicht bei den Bahn­schienen und viel zu weit ent­fer­nt. Bei Fliegeralarm war also nur der näch­ste Keller der Beste.

Wer hätte das gedacht? Der Krieg war in Deutsch­land. Nicht an der Front, nicht in Rus­s­land oder Afri­ka weit weg, son­dern mit­ten in Deutsch­land. Grete beschloss zu den Schwiegerel­tern nach Hol­land zu fahren, um dort mit der Fam­i­lie zu besprechen wie es weit­er gehen soll. Ihr Schwiegervater war dort in ein­er undurch­sichti­gen Mis­sion unter­wegs. Kein­er aus der Fam­i­lie sprach darüber, aber er war in der Partei wichtig genug, sodass er Grete in ihrem Elend helfen kon­nte, ja musste.

Sam­stags mor­gens um fünf machte Grete sich mit den Kindern auf in Rich­tung Hol­land. Zug­fahren zu fün­ft in der drit­ten Klasse, sieben Stun­den Fahrt, dachte Grete, das kann ja heit­er wer­den. Doch am Bahn­steig angekom­men, wartete sie verge­blich auf das pfeifende Geräusch des ein­fahren­den D-Zuges in Rich­tung Ven­lo. Statt vie­len Reisenden tum­melten sich die Schwest­ern der Bahn­hof­s­mis­sion auf dem Bahn­steig herum und verteil­ten Bech­er mit Früchte­tee an die Wartenden. Mar­gret schob die Karre mit Trutzhart und Grete hat­te Gisela an der Hand und Hart­mut auf dem Arm. Der Zug scheint ja wohl Ver­spä­tung zu haben, dachte Grete. Und richtig, eine Stunde später klang das pfeifende Geräusch der ein­fahren­den 03 endlich auf der Kurve vor dem Bahn­hof. Grete hastete mit den Kindern ins Coupé und nahm erschöpft Platz. Irgend­wie fühlte die Reise sich müh­sam an, ehe sie begonnen hat­te.

Der D-Zug ver­ließ schnaufend den Bahn­hof, der an diesem Som­mer­mor­gen friedlich­er wirk­te als son­st. Sich­er, es war Sam­stag, also waren auch nicht so viele Men­schen unter­wegs, aber irgend­wie wirk­te es doch gespen­stisch, diese Ruhe. Langsam zog der Zug um die Kurve und Gretes Blick schweifte über die Stadt. Rauch­schwaden zogen aus den Häusern. Es bran­nten noch die Feuer der ver­gan­genen Bomben­nacht. Grete fluchte in sich hinein. Mein Mann ist in Rus­s­land und die Englän­der bom­bardieren unsere Heimat in Grund und Boden. Warum ist er nicht zuhause, da wo er gebraucht wird? Was soll dieser komis­che Krieg noch? Sollen die Englän­der nicht vor zwei Jahren schon ver­nich­t­end geschla­gen sein? Dafür, dass die Deutsche Luft­waffe ange­blich so erfol­gre­ich war, waren die britis­chen Bomber aber quick­lebendig. Grete stellte ger­ade alles in Frage. Nichts passte mehr zusam­men. Die 03 biss sich schnaufend eine enge Kurve hoch und Grete träumte, während sie aus dem Fen­ster schaute mit offe­nen Augen. Strahlen­der Son­nen­schein keine Wolke dachte sie. Es war kurz nach neun, gle­ich­mäßig häm­merte der Kurbel­trieb der schnaufend­en Lok. Am west­lichen Him­mel blitzte es kurz hin­tere­inan­der mehrfach auf. Grete fix­ierte das Blitzen, das sie ein wenig an Sylvester erin­nerte.

Tief in Gedanken, wie hyp­no­tisiert star­rte sie auf die vie­len blink­enden glitzern­den Punk­te am Him­mel, bis sie das Qui­etschen der Bremse des Zuges aus ihrem Tag­traum riss. Der Zug legte eine Voll­brem­sung hin, die alle Habe und Kinder ent­ge­gen der Sitzrich­tung nach vorne zog. Zum Glück kon­nte Mar­gret sich sel­ber hal­ten, sodass ihr Griff nur Gisela galt, die ver­schlafen ihre Augen aufriss, als ihre Mut­ter sie an ihrem Som­merkleid zer­rte. Schreie hall­ten über das Gleis­bett. “Ver­dammt, mach den Scheißkessel aus du Vol­lid­iot”, schrie ein­er von vorne. Mit­tler­weile war der Zug in einem Wald­stück zum ste­hen gekom­men. Blitzar­tig wurde Grete klar, was das hüb­sche Blinken am Him­mel war. Es waren Bomber. Feindliche Bomber. Das Flugzeu­ga­lu­mini­um der De Hav­il­land Mos­qui­tos, die zur Ziel­markierung einge­set­zt wur­den, glänzte in der Mor­gen­sonne. Mar­gret warf ihrer Mut­ter einen fra­gen­den Blick zu, doch ehe Grete Antwort geben kon­nte riss der Schaffn­er die Abteiltür auf und schrie: “Raus, alle sofort raus.”

Nach einiger Hek­tik fan­den die fünf sich auf ihrer Habe kauernd ein paar hun­dert Meter ent­fer­nt vom Zug wieder. Die Stille wurde nur von vere­inzel­nden Rufen und von Kindergeschrei durch­brochen. Am Him­mel das tiefe Brum­men der Flugzeug­mo­toren. Die Zeit ver­strich, und es passierte nichts. Doch es war auch Zeit zum Nach­denken für Grete. Sie hat­te lange keine Post mehr von Fritz bekom­men. Wie es dem Vater ihrer Kinder wohl im Osten erg­ing. Lebte er noch? Immer­hin war er mit­tler­weile in lei­t­en­der Stel­lung, viel Ver­ant­wor­tung für viele Män­ner und für viel Mate­r­i­al. In solchen Momenten spiel­ten sich grusige Szenen in Gretes Kopf ab. Was für Elend ihr geliebter Mann sehen musste, und vor allem wie viel Elend er sel­ber über die Men­schen in Rus­s­land brachte.  Eine Gänse­haut bre­it­ete sich aus, als sie an seine Berührun­gen dachte auf ihrer Haut. Hände, die Leichen schlep­pen und den Geruch des Todes an sich tra­gen. Nein, wahrlich es ist nicht ein­fach einen Sol­dat­en zu lieben.

Mit­tler­weile war es mit­tags gewor­den, die Kinder waren alle­samt müde eingeschlafen. Der Schaffn­er näherte sich mit rußver­schmiertem Gesicht von der Spitze des Zuges, und bat die Wartenden in ihre Abteile zurück­zukehren, damit der Zug seine Reise fort­set­zen könne — Erle­ichterung machte sich bre­it. Grete weck­te behut­sam die Lieb­sten und sie bestiegen den Zug. Nach kurzem Warten deutete mehrfach­es Ruck­eln die Weit­er­reise an.

Der Halt in Ven­lo dauerte schon viel zu lange. Doch der Krieg machte geduldig. Grete wartete also ein­fach ab was passieren würde, ohne sich großar­tig Gedanken über die momen­tane Sit­u­a­tion zu machen. Gele­gentlich ruck­elte der Zug, aber son­st passierte nicht wirk­lich viel. Dann kam der Schaffn­er vor­bei und informierte die Reisenden, dass eine Weit­er­fahrt unmöglich war. Britis­che Bomber hat­ten die Gleisan­la­gen der­art zer­stört, dass die Reparatur mehrere tage in Anspruch nehmen würde. Die Mitar­beit­er der Reichs­bahn arbeit­eten mit Hochdruck daran die Loko­mo­tive mit neuem Wass­er und Koks zu ver­sor­gen um sie anschließend umzuset­zen, damit der Zug die Fahrt nach Bochum zurück aufnehmen kon­nte.  Die Mit­tagssonne bran­nte auf die Wag­gons, Gretes kleine Fam­i­lie und die anderen Fahrgäste warteten in der kleinen Bahn­hof­shalle und die helfend­en Hände der Schwest­ern der Bahn­hof­s­mis­sion verteil­ten Essen — Bohnen­suppe.

Drittes Kapitel

Bagration, oder das Ende aller Hoffnung

Grete wartete wie immer geduldig mor­gens an der Bro­taus­gabe, fum­melte ihre zerknüll­ten Lebens­mit­tel­marken her­aus, als ihre Nach­barin sie ansprach, dass gestern bei ihr ein Telegramm für sie abgegeben wurde. Es waren Nachricht­en aus Hol­land von ihrem Schwiegervater. In den knap­pen Zeilen klang es eher wie ein Befehl, als eine Bitte, dass Grete mit den Kindern sich “zeit­nah in die Grüne begeben” möge. “Wir kom­men nach”, stand da. “Alles weit­ere später.” Das sind so Sätze, die mehr Fra­gen aufw­er­fen, als beant­worten. Grete war unruhig. Vorn Fritz hat­te sie seit dem Win­ter auch noch nichts gehört. Die Post aus dem Feld kam eh spär­lich. Nun dieses komis­che Telegramm aus Hol­land. Was das wohl alles zu bedeuten hat­te? Grete über­legte wie sie es real­isieren kon­nte in die Grüne zu kom­men. Von Bochum nach Dort­mund, von Dort­mund nach Leth­mate und dann zu Fuß die restlichen Kilo­me­ter in die Grüne. Irgend­wie musste es ja gehen. Mit dem Mis­chbrot unter dem Arm hastete sie in Rich­tung Ober­straße zurück zu ihren Kindern. In ihrem Kopf kreis­ten die Gedanken. Ich muss Fritz schreiben, dachte sie. Ein Brief muss auch an Emmi, die in der Grüne “ein­hütete” und die Tiere ver­sorgte. Emmi war die Tante ihres geliebten Fritz, sie war in diesen Zeit­en die gute Seele der Fam­i­lie. Emmis Mann war vor kurzem ver­stor­ben, und so war es an ihr die Län­dereien am Grün­er Bach zu bewirtschaften, während die restliche Fam­i­lie entwed­er in Hol­land ihren Dienst tat, oder aber im Krieg war. Fritzens jün­gere Schwest­er Ilse war auch mit in Hol­land, sie sollte dort Jugendpflege ler­nen. “Muss ich noch den Wup­per­talern schreiben?”, über­legte sie kurz, doch ver­warf den Gedanken schnell. “Die Wup­per­taler” war eigentlich eher ein Schimpf­wort, wenn sie über den Rest ihrer eige­nen Fam­i­lie nach­dachte. Früher, als ihre Eltern noch lebten, da hat­ten sie eine erfol­gre­iche große Schlachterei in Elber­feld. Nach dem plöt­zlichen Tod ihrer Eltern hat­te Gretes Vor­mund das vol­len­det, was die große Weltwirtschaft­skrise nicht schaffte, und den ganzen Laden ruiniert. Die Grüne war schon lange Ihr zuhause gewor­den.

Der Som­mer im Jahr 1944 war ein beson­der­er, irgend­wie für Grete ein beson­ders komis­ch­er, vielle­icht der schreck­lich­ste in ihrem Leben.

Die Amerikan­er und Englän­der waren let­zten Monat in Dünkirchen gelandet. Irgend­wie schien das alles mit dem Krieg immer sinnlos­er zu wer­den. Von Fritz gab es immer noch keine vernün­fti­gen Neuigkeit­en. Let­zte Woche war sie im Kino und hat­te die let­zte Wochen­schau gese­hen, aber auch da wurde nicht viel über die Ost­front gere­det, es war zum ver­rückt wer­den. An der Bäck­erei hat­te sie gehört, dass es ein feiges Atten­tat auf Adolf Hitler gegeben hätte. Schon komisch, einige waren erle­ichtert, dass der Atten­täter gescheit­ert war, aber bei anderen Fre­un­den hat­te sie dur­chaus das Gefühl, dass die es schade find­en, dass es nicht geklappt hat. “Jet­zt bekom­men wir richtig das Fell voll”, sagte Opa Wolin­s­ki aus dem drit­ten Stock. Wolin­s­ki war alter Zechenar­beit­er, seine Eltern waren vor vie­len Jahren aus Schle­sien ins Ruhrge­bi­et gekom­men. Und “Opa” wusste was Krieg ist, hat­te er doch damals schon den ersten Weltkrieg mit­gemacht. “Glaube mir Gre­tel”, sagte er ” die erzählen uns nur die Hälfte der Wahrheit und schick­en uns alle zum Teufel. Das war damals genau so.” Grete beun­ruhigte die Sit­u­a­tion. Was war, wenn Opa recht behielt? War die Front im Osten vielle­icht schon zusam­menge­brochen? Nein, sie wollte sich nicht in Depres­sio­nen ver­lieren.

Im Osten lief unter­dessen das an, was die Russen unter dem Begriff “Bagra­tion” zusam­men­fassten, eine Begr­a­di­gung des Frontver­laufes. Doch diese Begr­a­di­gung war der schlimm­ste Alp­traum für die 36. Infan­teriedi­vi­sion, die in der Mitte der Ukraine ver­suchte sich einzu­graben.

Fritz wurde von einem laut­en Geräusch unsan­ft aus dem Däm­merungss­chlaf geris­sen. Krome bret­terte mit seinem Krad in die Stel­lung. Er kam eben vom Stab und hat­te die let­zten Neuigkeit­en parat. Fritz schnappte sich sein Gerödel von der Ecke des Feld­bettes, zupfte sich die Uni­form zurecht um wenig­stens halb­wegs wie ein Vorge­set­zter zu wirken, während er seine Mel­dung in Emp­fang nahm. Kaum hat­te er den let­zten Knopf gerichtet, da stolperte sein Adju­tant ins Zelt um die Ankun­ft Kromes zu melden. Er schlug die Hack­en zusam­men, riss den Arm hoch und schrie “Heil Hitler, Herr Ober­leut­nant, melde gehor­samst Krad­melder Oberge­fre­it­er Krome ist zurück.” “Mann, mann, ver­scho­nen sie mich mit dem Scheiß”, knur­rte Fritz ihn an. “Besor­gen Sie mir und Krome lieber einen Tee”, das war alles was Fritz dazu zu sagen hat­te, und er kom­men­tierte den Auftritt seines forschen Adju­tan­ten noch mit ein­er weg­wis­chen­den Hand­be­we­gung, als hätte er eine Fliege vor dem Gesicht.

Die bei­den Män­ner saßen im schumm­ri­gen Licht des Zeltes und fix­ierten einan­der. Schweigen war eine gute Form der Kom­mu­nika­tion. Krome holte ein paar­mal tief Luft ehe er anfan­gen wollte zu reden. Fritz wusste, dass nichts gutes bei diesem Gespräch her­auskom­men würde. “Komm’ schon Krome, raus mit der dreck­i­gen Wahrheit”, ermunterte Fritz seinen Krad­melder. Krome begann in sein­er Tasche ein paar Papiere her­auszu­fum­meln. “Ich habe einen Marschbe­fehl und eine Karte, Herr Ober­leut­nant. Was da drin ste­ht wird ihnen nicht schmeck­en.”, sagte Krome leise, und schob dabei seine Kopf­be­deck­ung ein wenig nach hin­ten, um sich als­bald mit einem fast schwarzen Taschen­tuch die Stirn abzuwis­chen. Er schob bei­des langsam über den Tisch. Fritz nahm sich zuerst die Lagekarte, fal­tete sie vor­sichtig auf und legte sie auf den Tisch. Skep­tisch betra­chtete Fritz die vie­len roten Striche mit Bleis­tift, die Anmerkun­gen zu Trup­pen­stärke und zu den Trup­pen­gat­tun­gen der feindlichen Ver­bände. Bagra­tion war in Druck­buch­staben über die Skizze geschrieben. Sein Blick hob sich langsam und sein ver­wirrter Blick traf Krome. Mit dem Zeigefin­ger tippte er auf das Wort und fragte: “Krome, was zur Hölle heißt das?”

Die Antwort kam nicht wie aus der Pis­tole geschossen, son­dern mit einigem drama­tis­chen Schweigen vorher. “Die sagen, dass die Russen eine Offen­sive pla­nen. Es soll mor­gen los gehen. Front­be­gr­a­di­gung bis hin­ter den Bug, so glauben die.”, murmelte Krome kaum ver­ständlich. Fritz kräuselte die Stirn, weil er noch nicht ganz begrif­f­en hat­te was das nun hieß. Der let­zte Befehl war ‘Ein­graben, Stel­lung hal­ten!’, dies sah nun eher nach einem dro­hen­den Marschbe­fehl aus. Krome ergänzte, dass er unter der Hand gehört habe, dass die Bolschewis­ten mit Maus und Mann im Nor­den schon gegen die Front ren­nen. T34 vorneweg mit Voll­gas und dann in mehreren Rei­hen Men­schen­massen, die alles Nie­der­mähen, die gefürchteten Stal­i­norgeln, eine jäm­mer­lich heulende Raketen­wer­fer­bat­terie, schießen den Weg frei. Wenn das Szenario auch hier im Süden dro­hte, dann gute Nacht Marie.

Die Tross­fahrzeuge waren lange nicht alle ein­satzbere­it, die Geschütze kon­nten unmöglich mitgenom­men wer­den. Es war schw­er in diesen Zeit­en Ersatzteile zu bekom­men. Was nicht durch feindlichen Beschuss in den let­zten Monat­en mürbe gewor­den war, das seg­nete durch Ver­schleiß das Zeitliche. Fritz rieb sich die Stirn. “Denk nach, ver­dammt, denk nach!”, zwang er sich. Er blick­te zu Krome. Dann schrie er nach seinem Adju­tan­ten, dass er sofort alle Unterof­fiziere zusam­men­trom­meln soll. In der Zwis­chen­zeit fum­melte er das Schrift­stück auseinan­der und begann zu lesen. Krome schlürfte seinen Tee der­maßen laut, dass Fritz ihm einen Blick zuwarf der so kalt war, dass der Tee sofort hätte gefrieren müssen. “Reißen sie sich zusam­men, Mann.”, zis­chte er. Fritz las so konzen­tri­ert, dass er zwis­chen­durch einige Worte unbe­wusst laut aussprach. Stab ver­legt hin­ter den Bug, war zu hören und in einem Halb­satz “Abrück­en und Stel­lung hin­ter den Bug ver­legen.” Der Rest war Gemurmel.

Fritz wurde nun klar, dass die Stu­ka, die er let­ztens gese­hen hat­ten wirk­lich in Rich­tung Front unter­wegs waren um gegen Panz­er vorzuge­hen. Es waren aber nicht hun­derte Flugzeuge, son­dern ein paar Flugzeuge. Nun, wenn die hier über uns fliegen, dann kom­men die Bolschewis­ten bes­timmt über Kow­el um ent­lang der Straße nach Lublin durchzus­toßen. Fritz rech­nete, und schob einen kleinen Maßstab über die Karte. Hm, brummte er. Es sind ca 160 Kilo­me­ter von Kow­el nach Lublin. Wir müssen nach Lublin. Von hier in Hodow­ice sind das bes­timmt 100 Kilo­me­ter. Die Stel­lung in Hodow­ice einem kleinen Örtchen an der Verbindungsstraße lag unge­fähr auf der Hälfte der Strecke zwis­chen dem ehe­ma­li­gen Gren­zver­lauf am Bug und der großen Stadt Kow­el. Diesen ungastlichen Ort hat­ten sie vor zwei Wochen geord­net ver­lassen. Ver­bran­nte Erde zurück­ge­lassen, so wie es befohlen war. Die Russen soll­ten ins Leere laufen, ihr Nach­schub sollte die Ver­sorgung regeln. Vor Ort jeden­falls wür­den die Bolschewis­ten nichts zu fressen find­en, dachte sich Fritz. Nun scheint es, als wenn sie sich da sam­meln und diese Bagra­tion vor­bere­it­en.

Fritz schaute in die Augen sein­er Unterof­fiziere die mit­tler­weile den Unter­stand betreten hat­ten. Er blick­te sie an, als hoffte er, dass sie Gedanken­le­sen kön­nten und er ihnen seine Gedanken gar nicht mit­teilen müsse. Doch die Män­ner blick­ten nur fra­gend zurück. “Meine Her­ren, die Russen sam­meln sich bei Kow­el und bere­it­en einen Stoß bis zum Bug vor.”, begann er. Es fol­gte eine Pause. “Machen wir uns nichts vor, es wird nicht leicht. Wir müssen irgend­wie schnellst möglich hin­ter den Bug. Dabei bleibt zu hof­fen, dass die Brück­en vor Chelm noch ste­hen. Zur Not krabbeln wir mit unserem Kram über die Eisen­bahn­brücke. Wir haben den Befehl bei­de Brück­en zu spren­gen. Unan­genehm ist dabei, dass der Ter­min für die Spren­gung über­mor­gen Abend um 18.00 Uhr ist.”, begann er seine Aus­führun­gen. Unsichere Blicke wur­den gewech­selt. Schulte, ein grauhaariger erfahren­er Mann aus Soest fragte vor­sichtig nach: “Herr Ober­leut­nant, mit Ver­laub, wenn wir hier alles abrüsten, was bes­timmt bis mor­gen früh dauert, und dann los sollen, dann haben wir in knapp 40 Zeit­stun­den 100 km Fuß­marsch vor uns, mit Män­nern, die nicht geschlafen haben. Wie soll das gehen? Wenn wir 8 Stun­den Rast einkalkulieren, so plus minus, dann ist das kaum zu schaf­fen, oder?” Fritz blick­te Schulte nach­den­klich an. “Ja, das wird haarig, zumal wir auf nie­man­den warten kön­nen. Wer zu spät kommt der muss schwim­men.”, schob er nach.

“Machen wir uns nichts vor Män­ner. Ein T34 kann auf dieser Straße fast 50 Kilo­me­ter in ein­er Stunde fahren. Wenn die Russen ein­mal in der Stunde stop­pen um die Infan­terie nachzu­holen, dann ren­nen die uns über den Haufen.” knur­rte Fritz die Män­ner an. Es war ja schlecht möglich die Straße wegzus­pren­gen. Nein, dachte Fritz, wenn wir jet­zt hier Lärm machen, dann bekom­men die rus­sis­chen Fer­naufk­lär­er das mit und steck­en uns im Han­dum­drehen in die Tasche. “Nein, meine Her­ren,” begann Fritz seine Ansprache, “wir schlafen gle­ich ein paar Stun­den. Vorher wird alles gepackt, was wir für 2 Tage an Verpfle­gung brauchen, dann rück­en wir in der Dunkel­heit leise ab. Wir lassen alles hier, was uns bremst. Wir müssen nicht darüber nach­denken wie wir uns gegen diese Über­ma­cht vertei­di­gen, son­dern es geht hier um das nack­te Über­leben.” Alle wussten zwar was ihnen bevor stand, aber kein­er kon­nte sich aus­malen, was in den näch­sten Tagen wirk­lich passieren würde.

Krieg ist sicher­lich immer grausam, aber die Lage der Män­ner in diesem Frontab­schnitt ist aus­sicht­s­los. Zwei Divi­sio­nen liegen zwis­chen Kow­el und dem Bug. Knapp 60000 Män­ner, Väter von Kindern und Ehep­art­ner. Die Analyse von Fritz war richtig, wenn sie heute Nacht auf­brechen, dann ist es knapp, aber zu schaf­fen. Eines durfte aber auf keinen Fall passieren. Die Russen durften nicht vor Mor­gen mit­tag losle­gen, denn sie brauchen einen Vor­sprung. Fritz dachte an seinen Vater, dem man nach­sagte, dass er seine Frau mit Schuhen bezahlt hat­te. Der war doch damals tat­säch­lich von der Grüne immer zum Großen­drehscheid gelaufen um seine Mut­ter zu besuchen. Das waren nur 12 Kilo­me­ter Luftlin­ie, aber sein Vater war hin und zurück immer einen ganzen Tag unter­wegs. Die Män­ner hat­ten ein Ziel, das war der mächtige Fluß Bug, die Män­ner hat­ten auch einen Wun­sch, der war es zu über­leben. Sie braucht­en ver­dammt viel Glück, und es musste alles mit­spie­len. Das einzige, was die Män­ner nicht wussten, sie hat­ten keine Chance.