Dirk Diedrich

Sozialdemokrat

Ein Buch über den Krieg

Die verlorenen Kinder des Krieges“, das ist der Titel des Buches welches ich hier immer dann schreiben werde, online quasi, wenn ich Zeit habe. Um was geht es? Der tiefere Sinn ist für mich Trauerbewältigung. Die Frage warum war meine Mutter so, wie sie war? Ein Opfer der „Kinderlandverschickung“. Sozialisiert zwischen Ziegen und Stroh im schwäbischen Bodenseeraum. Warum ich das mache? Ich hab es meiner Mutter am Sterbebett versprochen.

Sie sagte: „Schreib‘ meine Geschichte auf!“, und daran halte ich mich. Hier auf meiner Homepage ist es ein wenig einfacher. Klar, ich könnte mir auch ein Jahr Urlaub nehmen und mich mit ein paar Kisten Bourbon in die kanadische Wildnis verdrücken. Dafür hab ich keine Zeit und kein Geld. Dieses System ist immer und überall greifbar, darum so! Ach, und warum lasse ich euch mitlesen? Gegenfrage: Warum nicht? Also fang ich mal an.

Ach, in eigener Sache. Ich schreibe einfach so von der Hand weg. Inklusive Tipp- und Schreibfehler. Berichtigungsvorschläge gern an mich senden. 🙂 Auch was einige Angaben angeht, muss ich noch in meinen Unterlagen rumsuchen. Namen, die von mir genannt werden, sind rein zufällig ausgewählt. Nur die Personen, die im Zentrum dieser teils fiktiven Geschichte stehen, sind mit ihrem Klarnamen benannt.

 

Vorwort

In diesem Moment, in dem sie dieses Buch in die Hand nehmen, nimmt irgendwo auf der Welt ein Kämpfer seine Waffe in die Hand um andere Menschen zu töten. Er wird sich von Frau und Kind verabschieden, ohne zu wissen ob er seine Familie wieder sehen wird. Quasi so, wie andere Väter ihre Brotdose nehmen oder ihre Aktentasche, so nimmt er Helm und Waffe, ehe er das Heim verlässt. Er nimmt die Verantwortung des Kämpfens an, aber lässt seine Familie alleine zurück.

Die Welt ist voll mit Kindern, die ihre Väter im Kampf verloren haben. Diese Kinder haben nie auf Knien gesessen und ihrem Vater den Bart gekrault. Nie haben sie Papierschiffe mit ihrem Vater gebastelt oder einen Drachen steigen lassen. Diese Kinder haben ihr erstes Fahrrad selbst geputzt und die Schachpartie, die zeigen sollte wer der wirkliche Denker und Chef im Haus ist, wird immer ungespielt bleiben. Ich denke, dass viele Kinder, die Opfer der Kriege wurden, sich früher oder später eine dieser Fragen stellen oder vor solchen Situationen stehen. Es liegt in der Natur der Dinge. Der Mensch entsteht aus zwei Menschen und will die Frage „Wer bin ich?“ von beiden Elternteilen beantwortet wissen. Besonders bizarr war in zurzeit der Mitte des 20. Jahrhunderts die Frage danach zu klären, warum der eigene Vater gestern noch ein Held und am nächsten Tag ein Verbrecher war.

Erstes Kapitel

Neues von Feldpostnummer 49523A

Irgendwo in Russland, die stickige Luft im Gefechtsstand der Flakstellung erschwerte das Atmen. Der Staub aus dem kargen Boden, den das bolschewistische Geschützfeuer aufwühlte, fraß sich in die Lungen. Unter einer Decke gekauert fummelte Fritz mit seinem Offiziersmesser und einem Bleistiftstumpf herum, um diesen Rest noch ein wenig spitz zu formen, damit er endlich die Karte an Grete weiter schreiben konnte, die er vor dem letzten Verlegen der 8.8 Batterie vor zwei Tagen angefangen zu schreiben hatte. Die 8.8 war eigentlich ein Mythos in der Wehrmacht. Kein anderes Flakgeschütz war so durchschlagkräftig wie dieses. In den 1920ern von Krupp unter den Zwängen des Versailler Vertrages entwickelt, war sie das Optimum an Beweglichkeit, Reichweite und Zielgenauigkeit. Keine Armee der Welt hatte etwas Vergleichbares zu bieten. Die Deutschen Truppen nutzten sie in Russland aber vorzugsweise als Panzerknacker. So wurde aus der Flugabwehrkanone (Flak) eine Panzerabwehrkanone (Pak). Fritz war jedenfalls so begeistert von der 8.8, dass er von der berittenen Einheit zur Infanterie wechselte nach dem Ausbruch den Krieges.

Seine Gedanken kreisten um zuhause. Wenn er die Augen schloss, dann wusste er sofort wie es zwischen Heimelsberg und Rheinischem Esel auf den Feldern und im Wald um Langendreer roch. Die Forsythien duften im Frühling immer so herrlich. Oder der Pfingstausflug mit Grete, seiner jetzigen Frau, wenn die Bauern das erste Heu machen und die Wiesen frisch gemäht sind. Reine Einbildung, denn außer Waffenöl und Schwarzpulver hatte er seit Monaten nichts anderes mehr gerochen. Nicht mal das Brot, das es täglich gab, roch nach irgendetwas anderem außer Öl.

Wieder drifteten Fritz‘ Gedanken zu Grete. Seit seiner Verwundung vor ein paar Monaten hatte er sie und die Kinder nicht mehr gesehen. Während er gedankenverloren den Stift in den Fingern drehte, um sich den knappen Platz auf der Karte in Gedanken zurecht zu legen, schweifte er nach Hause. Raus aus dem Dreck hier, auch raus aus ihrer Wohnung in Bochum, hin zu seinen Eltern, seiner Schwester, heim in das beschauliche Grüner Tal bei Iserlohn, wo die alte Wassermühle unermüdlich lief und die beruhigende Geräuschkulisse lieferte, die ihm jetzt fehlte, um seine Gedanken zu sortieren. Die „Grüne“, wie sie alle in der Familie sein Elternhaus nannten ist ein altes Fachwerkhaus, welches vermutlich schon seit vielen hundert Jahren in dem langgezogenen Tal zwischen Iserlohn und Ihmert irgendwo im nichts steht. Eine Wassermühle die eine Transmission antreibt, eine Schleiferei und eine Gießerei sind im Laufe der letzten 50 Jahre gewachsen. Im unteren Grüner Tal wurde schon seit Urzeiten Galmei abgebaut, warum also nicht im Grüner Tal Messing verarbeiten? Die Straße, die an seinem Elternhaus vorbei führte war gerade breit genug für ein Pferdegespann. Hier kam nur einer vorbei, wenn er wirklich etwas wollte. Das war zum Glück nicht oft. Es war trotz des geschäftigen Treibens der Gesellen der ruhigste und friedvollste Ort in Fritzens Leben.

Ein Mann wie ein Bär, groß gewachsen und doch so zerbrechlich.

Margret, seine älteste Tochter, sollte schon seit Wochen in seinem Elternhaus in „der Grüne“ sein. „Zum Glück wäre die Kleine dann sicher“, dachte er bei sich. Aber wann würde er endlich Nachricht erhalten, dass es auch mit der Kinderlandverschickung und mit Gretes Kur losgeht? Schließlich hatte er noch mehr Kinder um die er sich sorgte. Die örtliche Verwaltung lief mittlerweile nur noch auf Sparflamme. Es schien als wenn immer mehr Männer an die Front kamen und die Amtsstuben verlassen mussten. Vorwärts sollte es gehen, jeden Tag vorwärts. Doch mit jedem Tag, an dem seine Divison weiter vorrücken sollte, rückten seine Gedanken weiter nach Hause. Vorwärts ging es schon lange nicht mehr. Halbwegs geordnet rückwärts, so ließ sich die Situation viel besser beschrieben. Noch vor einem Jahr lagen sie mitten in den Pripjet-Sümpfen und versuchten Richtung Moskau vorzustoßen. Die Kinder waren alles an was er denken konnte und mochte. „Bald werden die Kinder aus Bochum geholt“, berichtete ihm seine geliebte Grete in ihrem letzten Schreiben. Zum Glück hatte er Magret schon rechtzeitig in der Grüne untergebracht, aber Grete konnte unmöglich mit allen drei Kindern zu Hause bleiben. „Die Jungs brauchen ihre Mutter“, hatte er Grete eingebläut. Die waren sein ganzer Stolz. Gute ‚deutsche Jungs‘ sollten Trutzhard und Hartmut werden. Aber erst musste dieser verdammte Krieg gewonnen werden.

Dieser verdammte Krieg. Es sollte alles so schnell gehen. Russland war leicht zu überrennen hatten die Generäle damals gesagt. „Wenn die Verteidigungslinien erst einmal durchbrochen sind, dann schwindet die Lust der Bolschewiken sich auf einen Kampf einzulassen.“ Alles Gerede, dachte er nun. Es beschlichen ihn Zweifel, ob das alles so richtig war was er hier tat. Dabei waren in der Familie doch alle gestandene Nationalsozialisten. Die Macht des Volkes faszinierte ihn schon früh. Endlich waren sie keine „Hinterwäldler“ aus dem Tal, sondern sie waren im Ort angesehen. Menschen grüßten freundlich oder standen stramm. Dabei war die Familie vor wenigen Jahren noch eine, die den Wandel der 1920er Jahre nicht richtig überlebte. Die Firma, ein Opfer der Bankenkrise, das Land reichte nicht zum Brotwerwerb, sondern nur zur Selbstversorgung. Doch seit die NSDAP an der Macht war, war es nicht mehr wichtig wie viel Geld und Einfluss man hatte, denn es kam auf gute deutsche Tugenden an. Ehrlichkeit, Treue und Vaterlandsliebe.

Abermals legte er sich gedanklich die Worte zurecht als er von draußen ein leises Grollen am Himmel vernahm. Hastig knüllte er die leere Karte in die Brusttasche und steckte schleunigst den Bleistift dazu, der im abermals in der Hektik abbrach. Seine belegte Stimme schrie laut, während er die Zeltplane aufriss. „Alles abdecken! Meldung! Was ist das für ein Flugzeug?“ Im Baum hatte sich sein Adjutant geistesgegenwärtig ein Bild gemacht. Den Feldstecher am Auge spähte er in Richtung Front, doch von dort konnte der Lärm nicht kommen. Wenige Momente später rollte, aus Westen kommend, eine Rotte Stuka über sie hinweg. Im Tiefflug mit schweren Bordkanonen unter den Tragflächen. Fritz erinnerte sich an die ersten Monate des Krieges als er zum letzten mal Stuka zur Unterstützung gesehen hatte. Die flogen hoch oben, um die feindlichen Linien aufzubrechen mit ihren punktgenauen Bomben. Danach war die dann die Artillerie am Zuge und schoss die Gegend mürbe. „Warum jetzt Kanonen unter den Tragflächen?“ schoss es ihm durch den Kopf. Und die Erkenntnis um den Sachverhalt konnte man ihm im Gesicht ablesen. Stukas gegen die russische Artillerie einzusetzen wäre in der Tat grober Schwachsinn, zumal die Stukas in dieser Höhe eine leichte Beute für das Sperrfeuer der Russen wären. Diese Kriegsveteranen waren im Horizontalflug so langsam, dass man ihnen bequem im Vorbeiflug das ganze Flugzeug umlackieren konnte. Es gab nur eine einzige Möglichkeit die blieb – Panzer! Die Russen müssen mit Panzern auf die Frontline drücken. Reflexartig schickte er Krome mit seinem Krad zum Leitstand des Stabs. Er war wahrscheinlich der irrsinnigste Kradmelder, den die 36. „Rheinisch-Westfälische“ Infanteriedivision gesehen hatte. Es war anzunehmen, dass das vom Training in den engen Tälern des Sauerlandes kam. Nun hieß es warten.

Zwei Mann bildeten einen vorgezogenen Posten an einer kleinen Anhöhe, um das Gelände zu überwachen. Entsetzlich war diese Ungewissheit. Seit Monaten war das Funkgerät ausgefallen und kein vernünftiger Kontakt mehr möglich. Nur schleppend lief der Nachschub seit einigen Wochen nach dem langen und strengen Winter wieder an. Hier, fernab aller Zivilisation war nichts außer weite Steppe. Hin und wieder mal ein Baum, der den Geschützen ein wenig Schutz vor den russischen Aufklärern bot. Die Sonne brannte unerbitterlich auf den Boden in diesem fremden Land. „Was mach ich hier?“ war eine Frage, die sich Fritz schon oft gestellt hatte. Letztlich kannte er die Antwort. Nach der großen Krise war die Firma zuhause so gut wie Pleite; nicht in der Lage die große Familie zu ernähren. Die Maschinerie der neuen Machthaber bot ihm Arbeit und gab ihm die Möglichkeit die Familie zu ernähren. Von den Schwiegereltern war nichts zu erwarten. Die große Schlachterei in Wuppertal Elberfeld war auch in der großen Krise Ende der 1920er Jahre buchstäblich über die ‚Wupper‘ gegangen. Gretes Eltern haben das irgendwie nicht verkraftet, und sie war Waise seitdem. Was hatte Fritz noch außer seinem Leben und seiner Ehre, die er irgendwem geben konnte. Also tat Fritz das Einzige was ihm noch blieb, er diente treu. Dabei ist es nicht hilfreich, wenn man von Heimweh und Zweifeln zerfressen ist. Also tat Fritz das, was er in den letzten Jahren gelernt hatte, er blendete alle Zweifel und Gefühle aus und funktionierte in diesem staubigen und schmutzigen Krieg, den er doch eigentlich nicht wollte.

Er klopfte sich den Staub aus der Mütze, als er in der ersten Dämmerung das Zelt betrat. Sein Gesicht wirkte müde und mit einem nicht überhörbaren Geräusch fiel er rücklings auf sein Lager. In Sekunden war er eingeschlafen. Seine Träume wühlten und schüttelten ihn. Die Angst vor der Zukunft war am Tage erfolgreich verdrängt, aber nachts, wenn alles still war, dann schlichen die Dämonen der toten Menschen der letzten Jahre um sein Bett und fesselten alle negative Energie in ihm, sodass er wieder einmal schweißnass erwachte. Er fummelte aufgeregt nach der Feldflasche und nahm einen tiefen Schluck kalten Tee, der beruhigend langsam seine Kehle hinunter rann. „Grete“, dachte er bei sich, „ach, verdammt die Karte“. Dann nestelte er im Hinsetzen aus der einen Tasche ein Feuerzeug für die Petroleumlampe hervor, während die andere Hand nach dem Bleistift fischte. Die zittrigen Finger schoben den Bleistift zwischen seine Lippen, damit er eine Hand frei hatte um die verchromte Kappe seines Benzinfeuerzeugs zu entfernen. Wieder waren seine Gedanken daheim. Zu Margret, die ihm vor zwei Jahren das Feuerzeug zu Weihnachten voller Stolz unter dem spärlichen Tannenbaum in der Oberstraße in Langendreer herauskramte. Er sah noch genau ihre leuchtenden Augen. Ob er jemals von Gisela ein Geschenk erhalten würde, schoss es ihm durch den Kopf. Was, wenn die Jungs erst vier und fünf sind? Werden sie dann auch an Weihnachten vor ihm stehen und mit leuchtenden Augen ein Geschenk für ihren Vater haben? Noch lag Hartmut quasi im Kindsbett, er war der Jüngste. Seit seiner freiwilligen Verlegung an die Ostfront war Fritz nicht mehr in der Heimat gewesen. Dennoch dachte er permanent an seine Kinder.  Eine Familie wollte er, doch hatte er nichts davon. Gisela war noch zu klein Weihnachten 1938. Ein Jahr später war er schon im Feld in Frankreich. Gedanken über Gedanken peitschten durch seinen Kopf, während die alte Petroleumlampe das Zelt langsam in ein fahles Licht tauchte. Er nahm sein Schreibutensil zwischen den Lippen hervor und starrte dieses Stück Holz an, als wäre vor seinen Augen die heilige Jungfrau Maria von einem russischen T-34 Panzer überfahren worden. „Verdammt, abgebrochen“, fluchte Fritz.

 

Zweites Kapitel

Bohnensuppe und Fahrkarten

Der Krieg kam mit den alliierten Bombern nun auch nach Deutschland. Tief ins Land stießen vereinzelnd die Bomberverbände vor. Eine Sache, die Grete nie erwartet hätte. Fritz sagte immer, dass der Engländer nie Bomben auf Deutschland werfen würde, nachdem Frankreich niedergerungen war. Doch immer häufiger flogen englische Aufklärer am Tage hoch über der Stadt, und nachts heulten die Sirenen. Erst waren es nur spezielle Ziele, wie zum Beispiel die Talsperren oder die Industrieanlagen des Ruhrgebietes. Doch immer öfter musste Grete nachts die Jungs und Gisela zusammen einpacken und gemeinsam Schutz zu suchen. Zum neuen Hochbunker an den Langenstuken brauchte sie sich gar nicht aufzumachen, denn der lag dicht bei den Bahnschienen und viel zu weit entfernt. Bei Fliegeralarm war also nur der nächste Keller der Beste.

Wer hätte das gedacht? Der Krieg war in Deutschland. Nicht an der Front, nicht in Russland oder Afrika weit weg, sondern mitten in Deutschland. Grete beschloss zu den Schwiegereltern nach Holland zu fahren, um dort mit der Familie zu besprechen wie es weiter gehen soll. Ihr Schwiegervater war dort in einer undurchsichtigen Mission unterwegs. Keiner aus der Familie sprach darüber, aber er war in der Partei wichtig genug, sodass er Grete in ihrem Elend helfen konnte, ja musste.

Samstags morgens um fünf machte Grete sich mit den Kindern auf in Richtung Holland. Zugfahren zu fünft in der dritten Klasse, sieben Stunden Fahrt, dachte Grete, das kann ja heiter werden. Doch am Bahnsteig angekommen, wartete sie vergeblich auf das pfeifende Geräusch des einfahrenden D-Zuges in Richtung Venlo. Statt vielen Reisenden tummelten sich die Schwestern der Bahnhofsmission auf dem Bahnsteig herum und verteilten Becher mit Früchtetee an die Wartenden. Margret schob die Karre mit Trutzhart und Grete hatte Gisela an der Hand und Hartmut auf dem Arm. Der Zug scheint ja wohl Verspätung zu haben, dachte Grete. Und richtig, eine Stunde später klang das pfeifende Geräusch der einfahrenden 03 endlich auf der Kurve vor dem Bahnhof. Grete hastete mit den Kindern ins Coupé und nahm erschöpft Platz. Irgendwie fühlte die Reise sich mühsam an, ehe sie begonnen hatte.

Der D-Zug verließ schnaufend den Bahnhof, der an diesem Sommermorgen friedlicher wirkte als sonst. Sicher, es war Samstag, also waren auch nicht so viele Menschen unterwegs, aber irgendwie wirkte es doch gespenstisch, diese Ruhe. Langsam zog der Zug um die Kurve und Gretes Blick schweifte über die Stadt. Rauchschwaden zogen aus den Häusern. Es brannten noch die Feuer der vergangenen Bombennacht. Grete fluchte in sich hinein. Mein Mann ist in Russland und die Engländer bombardieren unsere Heimat in Grund und Boden. Warum ist er nicht zuhause, da wo er gebraucht wird? Was soll dieser komische Krieg noch? Sollen die Engländer nicht vor zwei Jahren schon vernichtend geschlagen sein? Dafür, dass die Deutsche Luftwaffe angeblich so erfolgreich war, waren die britischen Bomber aber quicklebendig. Grete stellte gerade alles in Frage. Nichts passte mehr zusammen. Die 03 biss sich schnaufend eine enge Kurve hoch und Grete träumte, während sie aus dem Fenster schaute mit offenen Augen. Strahlender Sonnenschein keine Wolke dachte sie. Es war kurz nach neun, gleichmäßig hämmerte der Kurbeltrieb der schnaufenden Lok. Am westlichen Himmel blitzte es kurz hintereinander mehrfach auf. Grete fixierte das Blitzen, das sie ein wenig an Sylvester erinnerte.

Tief in Gedanken, wie hypnotisiert starrte sie auf die vielen blinkenden glitzernden Punkte am Himmel, bis sie das Quietschen der Bremse des Zuges aus ihrem Tagtraum riss. Der Zug legte eine Vollbremsung hin, die alle Habe und Kinder entgegen der Sitzrichtung nach vorne zog. Zum Glück konnte Margret sich selber halten, sodass ihr Griff nur Gisela galt, die verschlafen ihre Augen aufriss, als ihre Mutter sie an ihrem Sommerkleid zerrte. Schreie hallten über das Gleisbett. „Verdammt, mach den Scheißkessel aus du Vollidiot“, schrie einer von vorne. Mittlerweile war der Zug in einem Waldstück zum stehen gekommen. Blitzartig wurde Grete klar, was das hübsche Blinken am Himmel war. Es waren Bomber. Feindliche Bomber. Das Flugzeugaluminium der De Havilland Mosquitos, die zur Zielmarkierung eingesetzt wurden, glänzte in der Morgensonne. Margret warf ihrer Mutter einen fragenden Blick zu, doch ehe Grete Antwort geben konnte riss der Schaffner die Abteiltür auf und schrie: „Raus, alle sofort raus.“

Nach einiger Hektik fanden die fünf sich auf ihrer Habe kauernd ein paar hundert Meter entfernt vom Zug wieder. Die Stille wurde nur von vereinzelnden Rufen und von Kindergeschrei durchbrochen. Am Himmel das tiefe Brummen der Flugzeugmotoren. Die Zeit verstrich, und es passierte nichts. Doch es war auch Zeit zum Nachdenken für Grete. Sie hatte lange keine Post mehr von Fritz bekommen. Wie es dem Vater ihrer Kinder wohl im Osten erging. Lebte er noch? Immerhin war er mittlerweile in leitender Stellung, viel Verantwortung für viele Männer und für viel Material. In solchen Momenten spielten sich grusige Szenen in Gretes Kopf ab. Was für Elend ihr geliebter Mann sehen musste, und vor allem wie viel Elend er selber über die Menschen in Russland brachte.  Eine Gänsehaut breitete sich aus, als sie an seine Berührungen dachte auf ihrer Haut. Hände, die Leichen schleppen und den Geruch des Todes an sich tragen. Nein, wahrlich es ist nicht einfach einen Soldaten zu lieben.

Mittlerweile war es mittags geworden, die Kinder waren allesamt müde eingeschlafen. Der Schaffner näherte sich mit rußverschmiertem Gesicht von der Spitze des Zuges, und bat die Wartenden in ihre Abteile zurückzukehren, damit der Zug seine Reise fortsetzen könne – Erleichterung machte sich breit. Grete weckte behutsam die Liebsten und sie bestiegen den Zug. Nach kurzem Warten deutete mehrfaches Ruckeln die Weiterreise an.

Der Halt in Venlo dauerte schon viel zu lange. Doch der Krieg machte geduldig. Grete wartete also einfach ab was passieren würde, ohne sich großartig Gedanken über die momentane Situation zu machen. Gelegentlich ruckelte der Zug, aber sonst passierte nicht wirklich viel. Dann kam der Schaffner vorbei und informierte die Reisenden, dass eine Weiterfahrt unmöglich war. Britische Bomber hatten die Gleisanlagen derart zerstört, dass die Reparatur mehrere Tage in Anspruch nehmen würde. Die Mitarbeiter der Reichsbahn arbeiteten mit Hochdruck daran die Lokomotive mit neuem Wasser und Koks zu versorgen um sie anschließend umzusetzen, damit der Zug die Fahrt nach Bochum zurück aufnehmen konnte.  Die Mittagssonne brannte auf die Waggons, Gretes kleine Familie und die anderen Fahrgäste warteten in der kleinen Bahnhofshalle und die helfenden Hände der Schwestern der Bahnhofsmission verteilten Essen – Bohnensuppe.

Drittes Kapitel

Bagration, oder das Ende aller Hoffnung

Grete wartete wie immer geduldig morgens an der Brotausgabe, fummelte ihre zerknüllten Lebensmittelmarken heraus, als ihre Nachbarin sie ansprach, dass gestern bei ihr ein Telegramm für sie abgegeben wurde. Es waren Nachrichten aus Holland von ihrem Schwiegervater. In den knappen Zeilen klang es eher wie ein Befehl, als eine Bitte, dass Grete mit den Kindern sich „zeitnah in die Grüne begeben“ möge. „Wir kommen nach“, stand da. „Alles weitere später.“ Das sind so Sätze, die mehr Fragen aufwerfen, als beantworten. Grete war unruhig. Vorn Fritz hatte sie seit dem Winter auch noch nichts gehört. Die Post aus dem Feld kam eh spärlich. Nun dieses komische Telegramm aus Holland. Was das wohl alles zu bedeuten hatte? Grete überlegte wie sie es realisieren konnte in die Grüne zu kommen. Von Bochum nach Dortmund, von Dortmund nach Lethmate und dann zu Fuß die restlichen Kilometer in die Grüne. Irgendwie musste es ja gehen. Mit dem Mischbrot unter dem Arm hastete sie in Richtung Oberstraße zurück zu ihren Kindern. In ihrem Kopf kreisten die Gedanken. Ich muss Fritz schreiben, dachte sie. Ein Brief muss auch an Emmi, die in der Grüne „einhütete“ und die Tiere versorgte. Emmi war die Tante ihres geliebten Fritz, sie war in diesen Zeiten die gute Seele der Familie. Emmis Mann war vor kurzem verstorben, und so war es an ihr die Ländereien am Grüner Bach zu bewirtschaften, während die restliche Familie entweder in Holland ihren Dienst tat, oder aber im Krieg war. Fritzens jüngere Schwester Ilse war auch mit in Holland, sie sollte dort Jugendpflege lernen. „Muss ich noch den Wuppertalern schreiben?“, überlegte sie kurz, doch verwarf den Gedanken schnell. „Die Wuppertaler“ war eigentlich eher ein Schimpfwort, wenn sie über den Rest ihrer eigenen Familie nachdachte. Früher, als ihre Eltern noch lebten, da hatten sie eine erfolgreiche große Schlachterei in Elberfeld. Nach dem plötzlichen Tod ihrer Eltern hatte Gretes Vormund das vollendet, was die große Weltwirtschaftskrise nicht schaffte, und den ganzen Laden ruiniert. Die Grüne war schon lange Ihr zuhause geworden.

Der Sommer im Jahr 1944 war ein besonderer, irgendwie für Grete ein besonders komischer, vielleicht der schrecklichste in ihrem Leben.

Die Amerikaner und Engländer waren letzten Monat in Dünkirchen gelandet. Irgendwie schien das alles mit dem Krieg immer sinnloser zu werden. Von Fritz gab es immer noch keine vernünftigen Neuigkeiten. Letzte Woche war sie im Kino und hatte die letzte Wochenschau gesehen, aber auch da wurde nicht viel über die Ostfront geredet, es war zum verrückt werden. An der Bäckerei hatte sie gehört, dass es ein feiges Attentat auf Adolf Hitler gegeben hätte. Schon komisch, einige waren erleichtert, dass der Attentäter gescheitert war, aber bei anderen Freunden hatte sie durchaus das Gefühl, dass die es schade finden, dass es nicht geklappt hat. „Jetzt bekommen wir richtig das Fell voll“, sagte Opa Wolinski aus dem dritten Stock. Wolinski war alter Zechenarbeiter, seine Eltern waren vor vielen Jahren aus Schlesien ins Ruhrgebiet gekommen. Und „Opa“ wusste was Krieg ist, hatte er doch damals schon den ersten Weltkrieg mitgemacht. „Glaube mir Gretel“, sagte er “ die erzählen uns nur die Hälfte der Wahrheit und schicken uns alle zum Teufel. Das war damals genau so.“ Grete beunruhigte die Situation. Was war, wenn Opa recht behielt? War die Front im Osten vielleicht schon zusammengebrochen? Nein, sie wollte sich nicht in Depressionen verlieren.

Im Osten lief unterdessen das an, was die Russen unter dem Begriff „Bagration“ zusammenfassten, eine Begradigung des Frontverlaufes. Doch diese Begradigung war der schlimmste Alptraum für die 36. Infanteriedivision, die in der Mitte der Ukraine versuchte sich einzugraben.

Fritz wurde von einem lauten Geräusch unsanft aus dem Dämmerungsschlaf gerissen. Krome bretterte mit seinem Krad in die Stellung. Er kam eben vom Stab und hatte die letzten Neuigkeiten parat. Fritz schnappte sich sein Gerödel von der Ecke des Feldbettes, zupfte sich die Uniform zurecht um wenigstens halbwegs wie ein Vorgesetzter zu wirken, während er seine Meldung in Empfang nahm. Kaum hatte er den letzten Knopf gerichtet, da stolperte sein Adjutant ins Zelt um die Ankunft Kromes zu melden. Er schlug die Hacken zusammen, riss den Arm hoch und schrie „Heil Hitler, Herr Oberleutnant, melde gehorsamst Kradmelder Obergefreiter Krome ist zurück.“ „Mann, mann, verschonen sie mich mit dem Scheiß“, knurrte Fritz ihn an. „Besorgen Sie mir und Krome lieber einen Tee“, das war alles was Fritz dazu zu sagen hatte, und er kommentierte den Auftritt seines forschen Adjutanten noch mit einer wegwischenden Handbewegung, als hätte er eine Fliege vor dem Gesicht.

Die beiden Männer saßen im schummrigen Licht des Zeltes und fixierten einander. Schweigen war eine gute Form der Kommunikation. Krome holte ein paarmal tief Luft ehe er anfangen wollte zu reden. Fritz wusste, dass nichts gutes bei diesem Gespräch herauskommen würde. „Komm‘ schon Krome, raus mit der dreckigen Wahrheit“, ermunterte Fritz seinen Kradmelder. Krome begann in seiner Tasche ein paar Papiere herauszufummeln. „Ich habe einen Marschbefehl und eine Karte, Herr Oberleutnant. Was da drin steht wird ihnen nicht schmecken.“, sagte Krome leise, und schob dabei seine Kopfbedeckung ein wenig nach hinten, um sich alsbald mit einem fast schwarzen Taschentuch die Stirn abzuwischen. Er schob beides langsam über den Tisch. Fritz nahm sich zuerst die Lagekarte, faltete sie vorsichtig auf und legte sie auf den Tisch. Skeptisch betrachtete Fritz die vielen roten Striche mit Bleistift, die Anmerkungen zu Truppenstärke und zu den Truppengattungen der feindlichen Verbände. Bagration war in Druckbuchstaben über die Skizze geschrieben. Sein Blick hob sich langsam und sein verwirrter Blick traf Krome. Mit dem Zeigefinger tippte er auf das Wort und fragte: „Krome, was zur Hölle heißt das?“

Die Antwort kam nicht wie aus der Pistole geschossen, sondern mit einigem dramatischen Schweigen vorher. „Die sagen, dass die Russen eine Offensive planen. Es soll morgen los gehen. Frontbegradigung bis hinter den Bug, so glauben die.“, murmelte Krome kaum verständlich. Fritz kräuselte die Stirn, weil er noch nicht ganz begriffen hatte was das nun hieß. Der letzte Befehl war ‚Eingraben, Stellung halten!‘, dies sah nun eher nach einem drohenden Marschbefehl aus. Krome ergänzte, dass er unter der Hand gehört habe, dass die Bolschewisten mit Maus und Mann im Norden schon gegen die Front rennen. T34 vorneweg mit Vollgas und dann in mehreren Reihen Menschenmassen, die alles Niedermähen, die gefürchteten Stalinorgeln, eine jämmerlich heulende Raketenwerferbatterie, schießen den Weg frei. Wenn das Szenario auch hier im Süden drohte, dann gute Nacht Marie.

Die Trossfahrzeuge waren lange nicht alle einsatzbereit, die Geschütze konnten unmöglich mitgenommen werden. Es war schwer in diesen Zeiten Ersatzteile zu bekommen. Was nicht durch feindlichen Beschuss in den letzten Monaten mürbe geworden war, das segnete durch Verschleiß das Zeitliche. Fritz rieb sich die Stirn. „Denk nach, verdammt, denk nach!“, zwang er sich. Er blickte zu Krome. Dann schrie er nach seinem Adjutanten, dass er sofort alle Unteroffiziere zusammentrommeln soll. In der Zwischenzeit fummelte er das Schriftstück auseinander und begann zu lesen. Krome schlürfte seinen Tee dermaßen laut, dass Fritz ihm einen Blick zuwarf der so kalt war, dass der Tee sofort hätte gefrieren müssen. „Reißen sie sich zusammen, Mann.“, zischte er. Fritz las so konzentriert, dass er zwischendurch einige Worte unbewusst laut aussprach. Stab verlegt hinter den Bug, war zu hören und in einem Halbsatz „Abrücken und Stellung hinter den Bug verlegen.“ Der Rest war Gemurmel.

Fritz wurde nun klar, dass die Stuka, die er letztens gesehen hatten wirklich in Richtung Front unterwegs waren um gegen Panzer vorzugehen. Es waren aber nicht hunderte Flugzeuge, sondern ein paar Flugzeuge. Nun, wenn die hier über uns fliegen, dann kommen die Bolschewisten bestimmt über Kowel um entlang der Straße nach Lublin durchzustoßen. Fritz rechnete, und schob einen kleinen Maßstab über die Karte. Hm, brummte er. Es sind ca 160 Kilometer von Kowel nach Lublin. Wir müssen nach Lublin. Von hier in Hodowice sind das bestimmt 100 Kilometer. Die Stellung in Hodowice einem kleinen Örtchen an der Verbindungsstraße lag ungefähr auf der Hälfte der Strecke zwischen dem ehemaligen Grenzverlauf am Bug und der großen Stadt Kowel. Diesen ungastlichen Ort hatten sie vor zwei Wochen geordnet verlassen. Verbrannte Erde zurückgelassen, so wie es befohlen war. Die Russen sollten ins Leere laufen, ihr Nachschub sollte die Versorgung regeln. Vor Ort jedenfalls würden die Bolschewisten nichts zu fressen finden, dachte sich Fritz. Nun scheint es, als wenn sie sich da sammeln und diese Bagration vorbereiten.

Fritz schaute in die Augen seiner Unteroffiziere die mittlerweile den Unterstand betreten hatten. Er blickte sie an, als hoffte er, dass sie Gedankenlesen könnten und er ihnen seine Gedanken gar nicht mitteilen müsse. Doch die Männer blickten nur fragend zurück. „Meine Herren, die Russen sammeln sich bei Kowel und bereiten einen Stoß bis zum Bug vor.“, begann er. Es folgte eine Pause. „Machen wir uns nichts vor, es wird nicht leicht. Wir müssen irgendwie schnellst möglich hinter den Bug. Dabei bleibt zu hoffen, dass die Brücken vor Chelm noch stehen. Zur Not krabbeln wir mit unserem Kram über die Eisenbahnbrücke. Wir haben den Befehl beide Brücken zu sprengen. Unangenehm ist dabei, dass der Termin für die Sprengung übermorgen Abend um 18.00 Uhr ist.“, begann er seine Ausführungen. Unsichere Blicke wurden gewechselt. Schulte, ein grauhaariger erfahrener Mann aus Soest fragte vorsichtig nach: „Herr Oberleutnant, mit Verlaub, wenn wir hier alles abrüsten, was bestimmt bis morgen früh dauert, und dann los sollen, dann haben wir in knapp 40 Zeitstunden 100 km Fußmarsch vor uns, mit Männern, die nicht geschlafen haben. Wie soll das gehen? Wenn wir 8 Stunden Rast einkalkulieren, so plus minus, dann ist das kaum zu schaffen, oder?“ Fritz blickte Schulte nachdenklich an. „Ja, das wird haarig, zumal wir auf niemanden warten können. Wer zu spät kommt der muss schwimmen.“, schob er nach.

„Machen wir uns nichts vor Männer. Ein T34 kann auf dieser Straße fast 50 Kilometer in einer Stunde fahren. Wenn die Russen einmal in der Stunde stoppen um die Infanterie nachzuholen, dann rennen die uns über den Haufen.“ knurrte Fritz die Männer an. Es war ja schlecht möglich die Straße wegzusprengen. Nein, dachte Fritz, wenn wir jetzt hier Lärm machen, dann bekommen die russischen Fernaufklärer das mit und stecken uns im Handumdrehen in die Tasche. „Nein, meine Herren,“ begann Fritz seine Ansprache, „wir schlafen gleich ein paar Stunden. Vorher wird alles gepackt, was wir für 2 Tage an Verpflegung brauchen, dann rücken wir in der Dunkelheit leise ab. Wir lassen alles hier, was uns bremst. Wir müssen nicht darüber nachdenken wie wir uns gegen diese Übermacht verteidigen, sondern es geht hier um das nackte Überleben.“ Alle wussten zwar was ihnen bevor stand, aber keiner konnte sich ausmalen, was in den nächsten Tagen wirklich passieren würde.

Krieg ist immer grausam, aber die Lage der Männer in diesem Frontabschnitt war nur mit einem einzigen Wort zu beschreiben, sie war aussichtslos. Flaches Gelände, eine Bahnlinie und eine Straße, die kilometerlang nur schnurgerade aus führte war zur Flucht zu Fuß denkbar ungeeignet. Für die Jäger, mit ihren schweren Panzern aber war sie ideal. Zwei Divisionen lagen zwischen Kowel und dem Bug. Knapp 60000 Soldaten der Wehrmacht. Erschöpft von vier Jahren Krieg. Sie waren nicht nur Männer, sondern auch Väter von Kindern und Ehepartner. Die Analyse von Fritz war richtig, wenn sie heute Nacht aufbrechen, dann ist es knapp, aber zu schaffen. Eines durfte aber auf keinen Fall passieren. Die Russen durften nicht vor Morgen Mittag loslegen, denn sie brauchen einen Vorsprung. Fritz dachte an seinen Vater, dem man nachsagte, dass er seine Frau mit Schuhen bezahlt hatte. Der war doch damals tatsächlich von der Grüne immer zum Großendrehscheid hinter Altena gelaufen um seine Liebste zu besuchen. Das waren zwar nur 12 Kilometer Luftlinie, aber sein Vater war hin und zurück immer einen ganzen Tag unterwegs. Insgeheim wünschte Fritz sich nun diese Bedingungen im Gelände. Anstrengend zwar, aber sicher vor feindlichen Panzern, die in bergigem Gelände viel langsamer vorankommen würden.

Die Männer hatten ein Ziel, das war der mächtige Fluss Bug, die Männer hatten einen Wunsch, der war es zu überleben. Die hatten einen Plan, der war gut durchdacht. Sie waren motiviert bis in die Haarspitzen. Sie brauchten verdammt viel Glück, und es musste alles passen. Das einzige, was die Männer nicht wussten, als sie den Unterstand verließen um ihre Sachen zu packen, war die Tatsache, dass sie keine Chance hatten. Sie waren bereits umzingelt und verloren. In den kommenden zwölf Stunden verloren fast 60000 Mann ihr Leben.